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Firouzjas Eröffnungs-Tricks

Firouzjas Eröffnungs-Tricks

Gserper
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Das Saint Louis Rapid und Blitzturnier ist bereits in den Geschichtsbüchern und bietet viel Stoff zum Analysieren. Sprechen wir zuallererst über die phänomenale Leistung von Alireza Firouzja. Bei mir weckt seine Leistung sofort Erinnerungen an das berühmte Herzog Novi Blitzturnier von 1970, das als inoffizielle Blitz-Weltmeisterschaft bezeichnet wurde.

Damals hatte Bobby Fischer das Turnier mit 19 von 22 möglichen Punkten und 4.5 Punkten Vorsprung auf Mikhail Tal gewonnen. Und Ihr wisst sicher alle, was zwei Jahre später passiert ist (Ein kleiner Tipp: Wir feiern dieses Jahr das 50-jährige Jubiläum dieses Events). Ich bin natürlich kein Wahrsager, aber ich glaube zu wissen, wer der nächste Weltmeister nach Ding Liren werden wird.

Viel wichtiger ist aber, dass wir endlich den neuen Schach-Sound hören konnten, auf den ich schon lange von Firouzja gewartet habe. Habt Ihr das bemerkt? Ok, ich will es Euch erklären.

Alireza Firouzja
Firouzja fängt an, einen neuen Sound zu kreieren. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Heutzutage, wenn Top-Großmeister die Eröffnungsempfehlungen ihrer Computer bis weit ins Mittelspiel (oder manchmal sogar ins Endspiel) auswendig lernen, ist es fast unmöglich, eine neue Eröffnungsstellung zu bekommen, bei der der Gegner sein Gehirn, anstelle seines Gedächtnisses einsetzen muss. Jeder Spieler hat sein eigenes Rezept für dieses Problem. Die meisten von ihnen versuchen nur, einfach noch mehr als der Gegner auswendig zu lernen.

Weltmeister Magnus Carlsen hat jedoch seinen eigenen, einzigartigen, unnachahmlichen Ansatz. Er spielt manchmal völlig blödsinnige Züge, die seine Gegner aber zwingen, vom ersten Zug an ihren Kopf zu benutzen! Hier ist ein Beispiel:

Es ist schwierig, diesen Ansatz einem Normalsterblichen zu empfehlen. Warum sollten man denn in der Ausgangsstellung bewusst den schlechtesten Zug spielen und ums Überleben kämpfen, statt um einen Vorteil zu spielen?

Während des diesjährigen Saint Louis Rapid und Blitzturniers zeigte Firouzja ein Rezept, das vielen Schachspielern gefallen könnte. Seine Idee mag lächerlich aussehen, aber bei näherer Betrachtung ergibt sie durchaus Sinn. Bevor ich seine Herangehensweise erkläre, möchte ich aber noch einen Haftungsausschluss formulieren: "Die folgenden Partien wurden von Profis gespielt und sich nicht für den Hausgebrauch geeignet. Für Schäden jeglicher Art, die aus dem Nachspielen der in diesem Artikel gezeigten Partien entstehen, übernimmt der Autor keine Haftung und keine Verantwortung!"

Was ist also Firouzjas neue Idee? Er verschwendet in manchen Eröffnungen absichtlich Tempi, um eine gute Stellung zu bekommen! Ich weiß, es klingt wie Schachblasphemie, da eine der grundlegendsten Schachregeln besagt: Verschwende keine Tempi, besonders nicht in der Eröffnung. Sehen wir uns dennoch an, wie Firouzja das macht:

Habt Ihr bemerkt, was passiert ist? Weiß spielte 6.d3, nur um zwei Züge später 8.d4 zu spielen. Als Ergebnis bekam er eine bekannte Theoriestellung mit einem Minustempo! Vergleichen wir diese mit der folgenden, sehr berühmten Partie:

Seht Ihr den Unterschied? Da es eine bekannte Theoriestellung ist, sehen die beiden Diagramme natürlich identisch aus. In der zweiten Partie war jedoch Weiß am Zug und Anatoly Karpov spielte 9.Lg5, während in Firouzjas Partie Schwarz am Zug war und Sam Shankland spielte 9...Se4.

Was ist also die Methode hinter Firouzjas Schachwahn? Nun, zunächst einmal sollte Weiß, aufgrund der Langzeitschwäche von Schwarz auf d5, selbst nach dem Tempoverlust wahrscheinlich immer noch besser stehen. Und dann vermute ich, dass die Tarrasch-Verteidigung nicht genau das ist, was Shankland spielen wollte, was ihn in eine relativ ungewohnte Situation gebracht hat.

Hier ist noch ein Beispiel für Firouzjas "Schwarze Magie":

Ist Euch aufgefallen, dass Firouzja im neunten Zug seinen Läufer nach e3 zog, nur um ihn zwei Züge später zurück nach f1 zu ziehen? Nun, das muss sicher schlecht sein, oder? Nicht so schnell! Sehen wir uns die folgende Theoriestellung an:

Ich habe in der Datenbank 16 Partien mit dieser Stellung gefunden. Wollt Ihr das Ergebnis wissen? 12 Siege für Schwarz und 4 Remis! Die Stellung in diesen Partien ist mit Firouzjas Partie identisch, nur dass die Farben vertauscht sind. Und da Firouzja gleich zwei Tempi verschenkt hat, spielt er die Stellung nicht nur mit Schwarz, sondern auch noch mit einem Tempo weniger!

In dieser Theoriestellung ist also Schwarz am Zug und in der oben gezeigten Partie spielte Schwarz den Zug 12...Tc8. In Firouzjas Partie ist aber Weiß am Zug und sein Gegner spielte 13...g5, was dem weißen Zug 13. g4 entspricht.

Wie Ihr sehen könnt, ist die Erklärung für Firouzjas bizarre Eröffnung ganz einfach: Die Stellung ist so gut für Schwarz und das Ergebnis ist so überwältigend, dass er sie sogar mit einem Tempo weniger spielen wollte!

Immer wenn im Schach ein neuer Trend auftaucht, werden die Spitzenspieler natürlich sofort darauf aufmerksam. Hier ist eine Partie des Amerikanischen Schach-Superman:

Sieht nach einer verrückten Partie aus, bei der die Gegner von Anfang an mit taktischen Komplikationen begannen. Es ist lustig, dass die meisten Kommentatoren eine offensichtliche Sache übersehen haben: Levon Aronian hat in einer bekannten Theoriestellung einen Fehler gemacht. Glaubt Ihr mir nicht? Dann seht Euch das folgende Diagramm an:

Diese Stellung war schon in 94 Partien auf dem Brett und einige davon haben Super-GMs gespielt. Wenn Weiß "den geschenkten Turm auf a8" nicht schlägt, schneidet Weiß im allgemeinen sehr gut ab. Da er aber mit "schwarzer Magie" die Farben vertauscht hat, hat Hikaru Nakamura seinen Gegner verwirrt und Aronian hat den Turm geschlagen - und den Preis dafür bezahlt.

Hikaru Nakamura
Nakamura arbeitet an seiner eigenen Version von Firouzjas schwarzer Magie. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Heutzutage hören wir viele Beschwerden über Computer, die das Eröffnungsspiel zunichtemachen und Schachspieler dazu drängen, sich für Schach960, oder noch schlimmer, für Junk-Eröffnungen wie 1.h4 zu entscheiden. Für mich ist Firouzjas Ansatz wie ein Hauch frischer Luft!

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