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Wer wird der nächste Weltmeister?

Wer wird der nächste Weltmeister?

Gserper
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Das Kandidatenturnier 2022 war gerade erst vorbei und schon waren die Diskussionen, wer die nächste Weltmeisterschaft gewinnen wird, in vollem Gang. Wird der Herausforderer diesmal besser abschneiden, oder wird es wieder eine klare Sache für den Titelverteidiger werden? Wer wird gewinnen? Magnus Carlsen oder Ian Nepomniachtchi? Meine Antwort war sofort: "Keiner von beiden!" Ich tippe auf Ding Liren!

Will Ding Liren be the next world champion?
Wird Ding der nächste Weltmeister? Foto: Maria Emelianova/Chess.com

Da sich der Weltmeister ja entschieden hat, seinen Titel nicht zu verteidigen, werden gemäß den Regeln die beiden Erstplatzierten des Kandidatenturniers um den Titel spielen. Das erklärt aber meine Vorhersage nur zur Hälfte.

Der Autor des Bestsellers Der schwarze SchwanNassim Taleb, beweist überzeugend, dass wir in einer Welt mit einer Verteilung mit schweren Rändern leben. Mit anderen Worten, die Ereignisse, die statistisch gesehen nur einmal in sagen wir 10.000 Jahren auftreten sollten, treten mehr oder weniger regelmäßig auf. Wer wird zum Beispiel jemals den negativen Rohölpreis vergessen, den wir vor ein paar Jahren erlebt haben, oder die Menschen, die Millionen von Dollar für ein digitales Bild eines Affen bezahlt haben? Irgendwie ist das Leben aus einem bestimmten Grund seltsamer als die Fiktion.

Hatte ich also gewusst, dass der WM-Kampf zwischen Carlsen und Nepomiachtchi nicht stattfinden wird? Nein! Ich hatte keine Insider-Informationen und eigentlich auch keine Ahnung! In den letzten beiden Jahren habe ich aber gelernt, dass etwas Unerwartetes passieren wird, wenn etwas Unerwartetes passieren kann.

Außerdem ist es ja nicht so, als hätte uns die Schachgeschichte nicht schon mehrere solcher Beispiele geliefert.

Erinnert Ihr Euch noch an das Match zwischen Vladimir Kramnik und Alexei Shirov 1998? In diesem Duell sollte der Herausforderer für den damaligen Weltmeister Garry Kasparov ermittelt werden. Shirov gewann überzeugend mit 5,5-3,5 und qualifizierte sich damit für den Titelkampf. Aber wer wurde im Jahr 2000 Schachweltmeister= Kasparov oder Shirov? Weder noch! Wie Ihr sicher alle wisst, war es Kramnik.

Vladimir Kramnik
Kramnik wurde Weltmeister - obwohl er gegen Shirov verloren hatte. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Hier ist eine weitere Geschichte aus einer noch ferneren Vergangenheit. Die legendäre Maia Chiburdanidze wurde 1978 Weltmeisterin und sie war damals gerade einmal 17 Jahre alt! So beschreibt (die englischsprachige) Wikipedia ihren Weg zum Titel:

Chiburdanidze wurde 1976 beim Damen-Interzonenturnier in Tiflis Zweite und qualifizierte sich damit für das Kandidatenturnier der Damen 1977. Dort erreichte sie das Finale gegen Alla Kushnir, das sie mit 7½–6½ gewinnen konnte und qualifizierte sich damit für einen WM-Kampf gegen die amtierende Weltmeisterin Nona Gaprindashvili. Diesen WM-Kampf gewann sie mit 8½-6½.

Wikipedia sagt aber nicht, wie sich Chiburdanidze für das Interzonenturnier 1976 qualifiziert hatte. Das was nämlich so: Die sowjetische Damenmeisterschaft 1975 war gleichzeitig ein Qualifikationsturnier für das Interzonenturnier und die drei bestplatzierten sollte Startplätze im Interzonenturnier erhalten. Chiburdanidze schaffte es aber nur auf einen geteilten 7. Platz und eigentlich hätte das Magatalent danach drei Jahre auf den nächsten WM-Zyklus warten müssen.

Maja Chiburdanidze
Auch Chiburdanidze war eine "Überraschungs-Weltmeisterin". Foto: Bart Molendijk/Dutch National Archives, CC.

Und hier begann jetzt die Kette unerwarteter Ereignisse. Zunächst einmal schrieb die Spielerin, die bei der Meisterschaft den dritten Platz belegt hatte, einen Brief an den sowjetischen Schachverband, in dem sie mitteilte, dass sie eine Geschlechtsumwandlung vornehmen wolle. Natürlich konnte sie danach nicht mehr an Damenwettbewerben teilnehmen und deshalb begann der Verband, nach einer Ersatzspielerin zu suchen. Erstaunlicherweise lehnten alle Spielerinnen auf der Warteliste nacheinander die Einladungen aus verschiedenen Gründen ab und schließlich war die junge Chiburdanidze an der Reihe. Sie ließ sich diese goldene Chance nicht entgehen und der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.

Wenn Ihr immer noch denkt, dass all diese Beispiele sehr einzigartig sind und nie wieder vorkommen werden, dann lasst mich Euch eine einzige Frage stellen: Sollte Ding vor fünf Monaten, als bereits alle Teilnehmer feststanden, überhaupt beim Kandidatenturnier spielen? Keine weiteren Fragen!

Als nächstes möchte ich die Partie analysieren, die Ding möglicherweise zum Weltmeister machen könnte. Während sie für manche sicher nur wie ein weiteres Beispiel für ein langweiliges Großmeister-Endspiel aussieht, ist sie tatsächlich sehr unterhaltsam und lehrreich. Beginnen wir mit der Eröffnung.

Was für Züge sind 6.a3 und 7...a6? Sollte man in der Eröffnung nicht seine Figuren entwickeln, anstatt gedankenlos seine Randbauern zu ziehen? Ist es ein weiteres Beispiel für seltsame Züge, die Supergroßmeister in Eröffnungen spielen?

Die Erklärung ist eigentlich ganz einfach und logisch. Beide Spieler warten darauf, dass die Läufer auf f1 und f8 ziehen und wollen dann dxc5 (bzw. dxc4) spielen. Wenn Läufer die Bauern dann zurückschlagen, würden beide Spieler b4 (bzw. b5) spielen und damit Raum am Damenflügel gewinnen und die Entwicklung der anderen Läufer nach b2 (bzw. b7) vorbereiten. Und genau das ist in der Partie auch passiert. Es sieht so aus, als würde diese Eröffnung nur zu einer langweiligen symmetrischen Stellung führen, aber Menschen, die nach Blut suchen, finden immer einen Weg, die Symmetrie zu brechen:

Kommen wir aber zu unserer Partie zurück. Könnt Ihr in der folgenden Stellung Dings Zug erraten?

Viele werden jetzt sagen: "Was war denn hier besonders? Weiß hat ein Springerpaar getauscht. Na und?" Nun, vergleicht mal die Läufer nach diesem Tausch! Genau dieses Manöver ermöglichte es Akiba Rubinstein sein unsterbliches Meisterwerk zu erschaffen. Beachtet, dass die schwarzen Läufer die Hauptdarsteller der Show sind, während die weißen Läufer so gut wie nichts tun.

Der einzige Nachteil an Dings Manöver ist der sofortige Damentausch. Aber selbst in solchen Endspielen lassen sich taktische Möglichkeiten finden. Hier ist eine Frage für unsere weniger erfahrenen Mitglieder. Was ist der Sinn von Dings letztem Zug?

Wenn Ihr das kommende Qualitätsopfer gefolgt von der Springergabel gefunden habt, dürft Ihr Euch auf die Schulter klopfen. Der frühere Weltmeister Anatoly Karpov hatte einst eine viel kompliziertere Version dieser Kombination gefunden:

Kommen wir zum letzten lehrreichen Moment in unserer Hauptpartie:

Ich habe die Partie live verfolgt und gesehen, wie Hikaru Nakamura 35...Ld8 gespielt hat. Ich mochte den Zug sofort nicht, weil es sehr unwahrscheinlich ist, dass man mit einer solch passiven Verteidigung eine Partie retten kann. Bis ich die Engine-Bewertung der Stellung nach 36. Tb7 gesehen hatte, dachte ich aber, dass Schwarz noch kämpfen könnte! Sie zeigt nämlich +3,26 und für die Engine ist die Partie schon absolut entschieden!

Das von der Engine vorgeschlagene Bauernopfer mag für viele Menschen schwer zu finden sein, aber genau so muss man in solchen Stellungen spielen. Hier ein klassisches Beispiel:

Nach Nakamuras passivem Zug war der Rest nur noch eine Frage der Technik, und Ding ließ Schwarz keine Chance:

Mal sehen, ob meine Prognose eintrifft und Ding der neue Weltmeister wird. Egal was passiert, ich fühle mich mit meiner kühnen Vorhersage sehr wohl. Wenn ich richtig liege, werden mich die Leute ein Genie nennen. Und wenn ich falsch liege, wird sich in ein paar Monaten eh niemand mehr daran erinnern.

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