Leserfragen, Meckereien und Ratschläge

Leserfragen, Meckereien und Ratschläge

IM Silman
17.08.2017, 00:01 |
40 | Andere

Eigentlich habe ich schon viele Kolumnen geschrieben, in denen ich ausschließlich auf Leserfragen eingegangen bin, aber irgendwie habe ich das schon länger nicht mehr gemacht. Warum? Ich weiß es gar nicht. Aber heute werde ich mich nur mit den Kommentaren der Chess.com Mitglieder beschäftigen.

DER MANN, DER NICHT ZÄHLEN KANN

Sneakmasterflex schrieb (unter meinem Artikel "Durch Rückzüge gewinnen!") :

“Die meisten, von Silman’s Puzzeln sind aus seinem Buch "How to Reassess Your Chess, 4th edition" kopiert. Dieser Typ zeigt Null Originalität in seinen Artikeln. Da ich dieses Buch gekauft habe, könnte ich den selben Artikel wie Silman schreiben und die Kohle dafür kassieren."  

JS: Es gabe Eine Stellung (Silman vs. Booth) in dem Artikel, die aus dem Buch "How to Reassess Your Chess, 4th edition" stammt.

Normalerweise ignoriere ich ja Menschen wie Sneakmasterflex, aber in diesem Fall gibt mir seine Schimpftirade doch einen Grund, einige Sachen klarzustellen: Natürlich benutze ich manchmal eine oder zwei Stellungen in meinen Artikeln, die ich schon in meinen Büchern Reassess Your Chess verwendet habe, aber ich benutze auch andere alte und neue Partien, oder Partien von Anfängern und Amateuren. Wenn eine Partie lehrreich ist benutze ich sie für meine Artikel oder Bücher und manchmal sogar mehrfach.
Warum? Zwei Gründe:

  • Die meisten Mitglieder von Chess.com kennen meine Bücher nicht und haben diese Partien noch nie gesehen, oder sie haben die Partie zwar schon einmal gesehen aber zwischenzeitlich vergessen (und somit haben sie auch die Lehren aus dieser Partie vergessen). Und wenn ich eine lehrreiche Partie entdecke, will ich sie so viel wie möglich Menschen zeigen. Und wenn ich dafür die selbe Partie in verschiedenen Medien veröffentlichen muss, dann mach ich das.
  • Leute wie Sneakmasterflex und viele andere auch verstehen nicht einen wichtigen Punkt: WIEDERHOLUNG IST ALLES (zahllose Widerholungen sind der Schlüssel für jeden Athleten, Musiker, Wissenschaftler oder Schachspieler... versteht ihr?). Wenn ich eine lehrreiche Partie entdecke sehe ich sie mir im laufe der Jahre wieder und wieder an (einige Partien habe ich schon über 100 mal angesehen). Einfach gesagt: Je öfter ich mir diese Partie ansehe desto mehr schätze ich die Schönheit dieser Partie und desto mehr verstehe ich die Lektionen, die ich aus den Zügen lernen kann.

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VERBOHRT IN SCHACHPROGRAMME

Ronny8638 schrieb (unter meinem Artikel "Durch Rückzüge gewinnen!"):
“Stockfish widerlegt sämtliche Puzzle.”

JS: Ronny, Du solltest versuchen aus dem Artikel das zu lernen was Dir der Artikel lehren will (in diesem Fall, wie man seine Stellung durch Rückzüge verbessert). Stattdessen gibst Du die Stellungen in einen Computer ein (in diesem Fall sogar noch in einen schlechten, den Du besser wegwerfen solltest!) und das Ergebnis ist, dass du gar nichts lernst.

Denk mal darüber nach was Du sagst. Du behauptest dass Spassky, Karpov (sogar zweimal!), Nimzowitsch, Kramnik und Nikolic (gegen Karjakin) alle Fehler gemacht haben. Meinst Du das Ernst?
Aber, okay! Zum Spass habe ich diese Stellungen in ein wirklich starkes Schachprogramm (Houdini 3) eingegeben um zu sehen ob ich wirklich so ein Patzer bin (und ich habe das Programm dann auch wirklich lange rechnen lassen).
Hmm…nur in einem Fall war der von mir vorgeschlagene Zug nur die dritte Wahl von Houdini (die erste Wahl war ein unmenschlicher Computerzug und die Zweite hatte das selbe Ziel wie mein Vorschlag) und in allen anderen Fällen (welch eine Überraschung) hat Houdini genau den Zug vorgeschlagen den ich auch vorgeschlagen hatte. Viel wichtiger war aber, dass sich alle meine Züge auf das Thema des Artikels bezogen.

Und das habe ich ja angestrebt. Ich wollte, dass Du verschiedene Ideen und Muster kennenlernst, und selbst wenn ein Computer einen besseren Zug finden würde wäre mir das egal, solange der von mir aufgezeigte Zug logisch und lehrreich ist, und zum Thema des Artikels passt.
Wenn wir jetzt über den ersten Zug hinausgehen (der aber in dem Artikel meist der wichtigste Zug ist), waren in der Tat nicht alle Varianten die Lieblingsvarianten der Programme (was mir aber egal ist). Für mich hat nur gezählt, dass ich Züge aufzeige aus denen Du etwas lernen kannst und das war bei jedem Zug aus jeder Partie der Fall.

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BULLET FÜR DAS GEHIRN

Cabuby bat mich, mir eine seiner Bulletpartien anzusehen. Er klang wie ein echt netter Typ aber ich habe trotzdem nein gesagt. Ich wurde auch vorher schon öfters gefragt mir Bulletpartien anzusehen und ich habe das noch nie gemacht. Der Grund dafür ist, dass es im Bullet meiner Meinung nach nur darum geht, wie schnell du ziehen kannst und das Schach selbst fast keine Rolle spielt. Ja sicher macht es Spass, aber daraus lernen kann man nichts. Natürlich muss es nicht immer ums lernen gehen, aber ich bezweifle einfach, dass sich viele Leute für eine Partie interessieren, die mit 1.a4 eröffnet wird. (Das war der erste Zug in Cabuby´s Partie. Der arme Cabuby wollte echtes Schach spielen, während sein Gegner, der immer mit 1.a4 eröffnete, einfach Züge abfeuerte und wahrscheindlich die meisten Partien auf Zeit gewann.) Ich erinnere mich auch an eine Bullet Partie die ich selbst vor vielen Jahren gespielt hatte.... Ich war Schwarz:  1.f3 e5 2.Kf2 d5 3.Ke1 und danach habe ich nie mehr Bullet gespielt.

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DER NEANDERTALER IM GEHIRN

Kuroowl schrieb:
“Ist es normal, dass man Partien hat in denen man gut steht (also Felder kontrolliert, positionell spielt, Schwächen beim Gegner entdeckt) und andere, in denen man wie der erste Mensch spielt? Ich frage, weil ich Schach mit einem Buch und von deinen Artikeln gelernt habe aber meine Partien sind wie eine Achterbahnfahrt.”
JS: Jeder, auch Großmeister, hat gute und schlechte Partien. Gute und Schlechte Tage. Ich erinnere mich an ein Turnier in New York bei dem ich die Figuren der Reihe nach eingestellt habe. Ich war komplett neben der Spur. Da saß wohl der selbe Neandertaler in meinem Gehirn, der auch manchmal in deinem sitzt. Am Ende des Turniers fragte ich einen Großmeister (Edmar Mednis) ob es nicht irgendeine Heilmethode gibt, um diese ständigen Fehler zu vermeiden. Er sagte: "Ja. Das nächste Turnier."

Etwas ähnliches passierte mir in San Francisco. Ich quälte mich durch 2 schreckliche Turniere, und danach gewann ich die U.S. Open. Wir wissen einfach nie wann uns die Schachgötter wohlgesonnen sind und wann sie uns einen Streich spielen wollen.

Aber wir können auch versuchen herauszufinden, warum Du manchmal so große Probleme hast. Sicher gibt es Stellungen die Du verstehst (was bedeutet, dass Du gut gespielt hast) und Stellungen die Du nicht verstehst. Nachdem ich mir einige deiner Partien angesehen habe wurde mir klar, dass Du in jedem Bereich hilfe benötigst. Dafür musst Du dich auch gar nicht schämen, denn an diesem Punkt ist jeder irgendwann angelangt. Manche bleiben dann einfach auf diesem Level stehen (und das ist auch ok so) und andere finden eine Möglichkeit um sich zu verbessern.

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VERBESSERUNGSMETHODE 1: Viele Spieler legen sich ein Eröffnungsrepertoire zu und bleiben dabei. Dadurch lernt man mit der Zeit die Bauernstrukturen, die Taktiken und verschiedene Situationen, die in dieser Eröffnung immer wieder auf das Brett kommen, zu verstehen. Wenn Du dich damit vertraut gemacht hast solltest Du zu einer anderen Eröffnung übergehen, aus der andere Bauernstrukturen und andere Situationen entstehen. Es gibt da hervorragende Eröffnungsbücher die bestimmte Eröffnungen bis ins kleinste Detail beschreiben, und die Dir sicher viel helfen werden.

IMPROVING 2: Mir ist aufgefallen, dass Du hauptsächlich 10 Minuten Partien spielst. Daran ist nichts falsch, wenn Dir das Spass macht. Du solltest aber auch mal 30 oder 60 Minuten Partien spielen, denn dann kannst Du dich viel genauer mit der ein oder anderen Stellung befassen und Du wirst vielleicht selbst am Brett entdecken, welcher Plan funktioniert und welcher nicht. Schreib dir auf einem Blatt Papier auf welchen Fehler Du gemacht hast. denn dann wirst Du mit der Zeit deine größten Schwächen selbst entdecken und kannst an diesen arbeiten. Und schließlich solltest Du dich an einen erfahrenen Schachspieler wenden (falls Du dir das leisten kannst oder mit einem befreundet bist) der Dich in das nächste Level führen wird.

Mr. Kuroowl, wenn Du all diese Ratschläge ein paar Monate verfolgt hast und Du glaubst, dass Du dich verbessert hast, dann schick mir doch einfach nochmal einige Partien die deine neuen Stärken und deine Schwächen zeigen, und versuch dann auch gleich selbst zu erklären warum diese Schwächen immer noch vorhanden sind. Vielleicht schreibe ich dann sogar einen Artikel über deine Reise in unbekannte Schachwelten.

Viel Glück und viel Spass!

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