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Warum gab es bei dieser WM so viele Siege?
Die Siegerehrung der FIDE Weltmeisterschaft 2023. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Warum gab es bei dieser WM so viele Siege?

Gserper
| 105 | Strategie

Die FIDE Weltmeisterschaft 2023 war in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Zunächst einmal war es sehr ungewöhnlich, eine Veranstaltung in Abwesenheit des unangefochtenen Weltranglistenersten als Weltmeisterschaft zu bezeichnen. Und dann war es natürlich ungewöhnlich, dass so viele hart umkämpfte Partien gab und so viele davon gewonnen wurden. Schließlich wurden bei den Weltmeisterschaften 2016 und 2018, wenn wir die Playoffs nicht mitzählen, nur zwei von 24 Partien gewonnen!

Obwohl Ian Nepomniachtchi und Ding Liren aufregende Partien produzierten, die Schachfans auf der ganzen Welt erfreuten, sehen das viele professionelle Spieler sehr kritisch. Sie äußerten die Meinung, dass die Qualität der Partien nicht dem Standard einer Weltmeisterschaft entsprach. Fabiano Caruana zum Beispiel kritisierte die defensiven Fähigkeiten beider Spieler.

Ding Liren and Ian Nepomniachtchi during Game 12 of the FIDE World Championship
Nepomniachtchi gratuliert Ding zum Gewinn der 12. Partie. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Es ist schwer zu bestreiten, dass beide Großmeister in sehr angespannten und komplizierten Situationen viele Fehler gemacht haben – aber das war ein Feature, kein Fehler. Es war einfach unmöglich, in dieser Art von Stellungen perfekt zu spielen, wenn man nicht die bequeme Möglichkeit hatte, sich die Vorschläge der Engine auf dem Monitor anzusehen. Und in einer superscharfen Stellung kommt es sehr häufig vor, dass der zweitbeste Zug zu einer Niederlage führt. Also stellt sich die Frage, wie viele Züge lang es menschlich möglich ist, den Top-Vorschlägen der Engine zu folgen?

In den letzten 10 Jahren fand keine Weltmeisterschaft ohne Magnus Carlsen statt. Zuerst war der Norweger Herausforderer und dann Titelverteidiger. Es ist seine Spielweise, den Gegner auf Distanz zu halten und auf eine gute Gelegenheit zum Angriff zu warten. Infolgedessen waren die meisten Partien in diesen Matches von langen Manövern geprägt. Die Natur des Kampfes bei der letzten Weltmeisterschaft war aber ganz anders und deshalb haben wir so viele spannende Partien gesehen - in denen Fehler einfach unvermeidlich waren.

Carlsen and Caruana during the 2018 FIDE World Championship.
Carlsen und Caruana bei der WM 2018. Alle 12 Partien endeten Remis. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Mark Twain hatte einst den berühmten Satz gesagt: "Die Geschichte wiederholt sich nie, aber sie reimt sich oft." Viele Partien dieser WM erinnerten mich an die epischen Kämpfe zwischen Garry Kasparov und Anatoly Karpov. Auch damals erzeugte Kasparov so viel Spannung, dass beide Gegner viele Fehler machten und manchmal sogar sehr offensichtliche Fehler! Vergleichen wir einfach mal zwei Partien, damit ihr seht, was ich meine.

Beginnen wir mit einem einfachen Quiz. In der folgenden Stellung spielte Kasparov drei extrem starke Züge. Wer beim allerersten Versuch auch nur einen davon findet, muss schon ein sehr starker Spieler sein. Wer zwei findet, spielt schon auf Großmeister-Niveau und wer alle drei findet, muss ein Genie sein!


In der achten Partie der aktuellen WM verschafften sich Ding durch geschickte Manöver auch einen Angriff auf der h-Linie. Genau wie Kasparov 36 Jahre vor ihm:

Diese Sequenz der Partie erinnert mich übrigens an einen weiteren Klassiker:

Aber zurück zu Kasparovs Partie. Um seinen Druck zu erhöhen und Kontrolle über die e5-h8 Diagonale zu erlangen, opferte er einen Bauern:

Ding opferte ebenfalls einen Bauern und hätte die Partie auf derselben Diagonale gewinnen müssen!

Leider fand Ding aber nicht die richtige Idee und vergab die Chance, ein echtes Meisterwerk zu produzieren. Außerdem hätte er die Partie im 40. Zug beinahe auf Zeit verloren! Die Partie endete dann nach vielen Abenteuern Remis:

Auch Kasparov geriet in seiner Partie in große Zeitnot und genau wie Ding spielte er seinen 40. Zug mit nur wenigen Sekunden auf der Uhr. Im Gegensatz zu Ding verpasste Kasparov aber nicht nur eine Reihe von Gewinnzügen, sondern verlor die Partie sogar!

Wir haben uns jetzt nur zwei Partien angesehen, die von vier großartigen Spielern gespielt wurden: Kasparov, Karpov, Ding und Nepomniachtchi. Überprüft doch auch die anderen Partien mit einer Engine und Ihr werden überrascht sein, wie viele Fehler die Spieler in diesen Partien gemacht haben. Aber wenn Ihr mich fragt, bevorzuge ich auf jeden Fall spannende Partien wie diese, die zahlreiche Fehler oder sogar grobe Patzer enthalten, als langweilige Partien mit einer Genauigkeit von fast 100%!

Eine Anmerkung von Chess.com: GM Gregory Serper hatte bereits im Juli 2022 vorhergesagt, dass Ding der nächste Weltmeister werden würde!

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