Schach-WM, Runde 10: Auch die wildeste Angriffspartie endet mit einem Remis

Schach-WM, Runde 10: Auch die wildeste Angriffspartie endet mit einem Remis

Im Kinofilm Children of Men wird auf der Erde mehr als 18 Jahre lang kein einziges Kind geboren. Bei der Schachweltmeisterschaft in London haben wir es mit einem ähnlichen Phänomen zu tun. Seit 2 Wochen kann kein Spieler einen Sieg erringen.

Die Schachwelt wird dadurch zwar nicht ins Chaos gestürzt, aber frustriert sind einige Fans trotzdem und dieses Gefühl wird sicherlich auch von den Spielern geteilt. Auf den Tag genau 5 Jahre nachdem Magnus Carlsen zum ersten Mal Weltmeister wurde, stagniert seine Titelverteidigung gegen Fabiano Caruana.

Nur eine kleine Gruppe von Schachfans wird sich über das heutige Unentschieden gefreut haben: Die stolzen Besitzer der Eintrittskarten für die 12. Runde, denn diese wird jetzt - egal wie die 11. Partie endet - auf jeden Fall stattfinden.

Magnus Carlsen Fabiano Caruana

Die b-Bauern waren die Stars der 10. Partie. | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Zumindest heute kann man nicht sagen, dass die Spieler nicht alles versucht haben, um zu gewinnen. Tatsächlich waren noch im späten Mittelspiel, als Carlsen seinen gesamten Damenflügel aufgegeben hatte und alles auf einen "Caveman-Angriff" am Königsflügel setzte, alle drei Ergebnisse möglich.

Hikaru Nakamura benutzte diesen Begriff, als er sagte: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Partie Remis endet." Nun - die Spieler haben einen Weg gefunden.

Wie können die Engines nur behaupten, dass diese Stellung 0.00 ist?

Damit haben die Spieler den historischen Rekord auf 10 Partien ohne Sieg ausgebaut. Im klassischen Schach hat jeder Spieler eine weitere Chance, eine Partie mit Weiß zu gewinnen. Am Freitag ist ein Ruhetag und Carlsen wird am Samstag als erster Spieler eine Figur ziehen dürfen.

Zum ersten Mal in der Geschichte spielte heute ein Amerikaner an Thanksgiving eine Weltmeisterschaftspartie. An dem Tag, an dem sich die meisten in den Vereinigten Staaten entspannen und essen, verzichteten die Spieler auf tryptophanreiche Nahrungsmittel und spielten energisches, kompromissloses Schach. Und es gab nichtmal Truthähne im Spielsaal.

Magnus Carlsen

Der Weltmeister betritt die Arena. | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

"Es war die Art von Spiel, das ich von dieser Eröffnung erwartet hatte", sagte Caruana. Die fragliche Variante war eine Wiederholung der 8. Partie. Obwohl er in seiner letzten Partie mit Weiß einen Vorteil hatte, war es der Herausforderer, der zuerst von dieser Partie abwich. Sein Zug 12. b4 überraschte den Weltmeister in derselben Zugnummer wie vor wenigen Tagen. Es war auch das zweite Mal, dass Weiß den gleichen Bauernvorstoß spielte (einst kam er von einem Rossolimo).

"Ich meine, es ist sehr, sehr zweischneidig. Beide Seiten gehen Risiken ein", sagte Caruana über die daraus resultierenden Komplikationen. "Schwarz geht einige klare Risiken ein, weil er einen Angriff anstrebt, also geht er irgendwie All-In. Und natürlich werde ich angegriffen, also könnte ich mich möglicherweise Matt gesetzt werden."

Carlsen sagte dem norwegischen Fernsehen, er hatte große Angst, die heutige Partie zu verlieren.

Carlsen gibt mit einem Lächeln zu, dass er heute Angst hatte, zu verlieren.

Carlsen: "Ich habe ja nicht gegen jemanden gespielt, der schon unzählige Weltmeisterschaftspartien gespielt hat"

Einige ehemalige Weltmeister waren von der Partie begeistert:

  • Hou Yifan: "Fabianos Team ist bei der Vorbereitung sehr selbstsicher. Besonders bei den Sizilianern."
  • Garry Kasparov, der für den Saint Louis Chess Club kommentierte, über Carlsens Schlüsselidee 21...b5: "Wenn das funktioniert ist er ein verdienter Weltmeister."
  • Viswanathan Anand: "Ich kann die Stellung nur schwer einschätzen. Praktisch gesehen steht Schwarz besser, aber die Partie könnte so oder so ausgehen. Die Stellung ist faszinierend."

Und Carlsen spielte ...b5! Der Zug basierte allerdings weniger auf einer genauen Berechnung und mehr auf seinem Gusto: "Ich dachte lange darüber nach und kam zu keinem Ergebnis und entschied mich, es einfach zu riskieren. Entweder gewinne ich die Partie oder werde Matt gesetzt," sagte er. 

Außerdem dachte er, dass er nach Alternativzügen wie 21...Kh8 auch noch über diese Option nachdenken müsste. Warum also nicht gleich loslegen?

Magnus Carlsen

Carlsens Pflaster wird kleiner - genauso wie seine Chance, seinen Titel in der "regulären Spielzeit" zu verteidigen. | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Carlsen räumte ein, dass der Wunsch nach einer Verschärfung der Stellung zum Teil auf das Match-Szenario zurückzuführen sei, bei dem bislang keiner der Teilnehmer den entscheidenden Erfolg erzielen konnte.

Auch wenn die Partie in einem Remis endet können wir uns jetzt einig sein, dass dies kein langweiliger oder abgesprochener Kampf ist, sondern brutales Spitzenschach vom Feinsten

"Es beruhte zum Teil auch auf der Spielsituation", sagte Carlsen. "Ich hatte das Gefühl, dass dieser Zug, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt weniger Zeit hatte, sehr unangenehm sei, aber ich habe es natürlich nicht nur auf die Psychologie gehofft."

Kasparov war der Meinung, dass dieser Zug, dessen Folgen unmöglich komplett berechnet werden konnten, nicht dem Stil beider Spieler entsprach.

"Sie bevorzugen es, eine andere Art von Schach zu spielen", sagte er. "Wenn sie Stellungen spielen müssen, die nicht in ihrem Stil entsprechen, brauchen sie (zusätzliche) Zeit. Und Sie müssen den Druck von Weltmeisterschaftsschach standhalten."

Magnus Carlsen

Carlsen reagiert auf einige, der nach der Partie aufgezeigten Varianten.| Foto: Mike Klein/Chess.com.

"Ich denke, es gibt eine gute Chance, dass Fabiano diesen Zug nicht gesehen hat", sagte Hikaru Nakamura über den Zug. Caruana aber zerstreute diese Idee.

"Als ich Ta3 spielte, habe ich mir dieses Zeug angesehen", sagte Caruana. "Ich dachte, dass ... b5, Sb6 schlecht sein würden, und erwartete deshalb ... Kh8." Er sagte, dass das Übergeben der Zugpflicht an Weiß Probleme gebracht hätte, da "viele meiner Optionen problematisch sind". Schließlich stimmte Caruana zu, dass es wahrscheinlich "die richtige Wahl" war, den b-Bauern zu ziehen.

Ab hier hatte Caruana mehrere Krisen zu lösen. Sollte er den Bauern en passant oder ein paar Züge später mit seinem Läufer schlagen? Konnte er auf dem Damenflügel den Sieg erringen und gleichzeitig das Matt seines eigenen Königs vermeiden?

Letztendlich entschied er sich dagegen, den Bauern zu schlagen. (Caruana: "Es fühlte sich irgendwie gierig an.") Stattdessen war es an der Zeit einen sicheren Unterschlupf zu finden und den norwegischen Sturm zu überstehen.

"g3war ein sehr schwieriger Zug, denn nach ...Dg5 habe ich so viele Optionen", sagte Caruana. "Es gibt viel Angriffspotential [von Schwarz], aber es ist immer noch ein bisschen langsam und ich muss entscheiden, wie ich meine Figuren aufstellen möchte. Ich denke, f3 wäre wahrscheinlich der beste Zug gewesen. Nachdem ich g3 gespielt habe, wünschte ich mir noch lange, ich hätte f3 gespielt."

Fabiano Caruana

Fabiano Caruana entwickelte bei der Pressekonferenz viel Energie, auch wenn nicht all seine Antworten zitierbar sind. | Foto: Mike Klein/Chess.com.

Und selbst nachdem die Mattgefahren abgewehrt waren, war da immer noch ein schwieriges Turmendspiel auf dem Brett. Es war wirklich eine Partie mit mehreren Kapiteln und Fortsetzungen - seht Euch nur die ganzen möglichen Taktiken nach 35...De2 an. Ein Zug, der Caruana überhaupt nicht gefallen hat ("der einzig dumme Moment der Partie").

Um diese derartig interessante Partie zu analysieren hat Chess.com einen ganz großen Namen für Euch engagiert: Maxime Vachier-Lagrave. 

Maxime Vachier-Lagrave

Hat Carlsen im Endspiel echte Gewinnmöglichkeiten gehabt oder war es ein bisschen wie gestern, als er dachte, er würde Druck ausüben, bevor er merkte, dass dem nicht so war?

"Ich dachte eigentlich nicht, dass ich echte Chancen hatte", sagte der Weltmeister. "Ich dachte, ich sollte es versuchen. Unglücklicherweise habe ich genau in dem Moment, als ich 44...Kd4 spielte, entdeckt, als ich den Zug gespielt hatte, dass er auf 44...Tb8 am Zug gewesen wäre und dann wäre es nicht so einfach für ihn gewesen, einen guten Zug zu finden."

Im Gegensatz zu gestern hätte sich ein drittes Ergebnis einschleichen können, so dass Carlsen etwas später gegenüber dem norwegischen Fernsehen zugab: "Am Ende hätte ich auch verlieren können".

Möchtet Ihr die komplizierte Partie noch besser verstehen? Alex Yermolinsky brauchte für seine Analyse nach dem Spiel etwas mehr Zeit als üblich, aber glücklicherweise wurde Chess.com vor einigen Jahren digitalisiert:

Zu Beginn des Endspiels fielen beide Spieler auf unter eine Minute Bedenkzeit und beim 40. Zug hatten sie nur noch eine Handvoll Sekunden auf der Uhr.

"Es gab sicher einen kleinen Zeitdruck", sagte Carlsen. "Ich kann nicht behaupten, dass ich da wirklich cool geblieben bin!"

Dieses Zitat war bemerkenswert, denn es das einzige Mal, dass Carlsen bei einer Pressekonferenz nach einer Partie lächelte. Im Gegensatz zu gestern, wo seine Antworten provokant wirkten, schien Carlsen heute einfach müde zu sein. Er schaute während des Interviews mehrmals zu seinem Team (Henrik Carlsen und Peter Heine Nielsen) und während Caruana eine Frage beantwortete, legte der Champion sogar seinen Kopf auf seine Schulter und schloss seine Augen.

Magnus Carlsen

Wenn uns die Weltmeisterschaft 2014 etwas gelehrt hat, dann, dass Carlsen schläft, wenn er schlafen möchte (sein Schlummern dauerte heute aber nur wenige Sekunden). | Foto: Mike Klein/Chess.com.

Vielleicht schlummerte er zum neuen Lied der Schach-Sängerin Juga. Sie scheint die Spieler verhext zu haben, denn ihr Lied "Isolated Pawn" war heute auch das Thema der Partie! Vielleicht kann sie auf der b-Seite dieses Tracks das Duo mit einem Song namens "Draw All Day, Draw All Night" in Verbindung bringen.

Was werden Carlsen und sein Team für seine letzte Partie mit Weiß planen? Er hat bereits 1. c4, 1. d4 und 1. e4 ausprobiert. Erinnern wir uns daran, dass er im Spiel 12 im Jahr 2016 im Wesentlichen einfach nur nichts zugelassen hat, aber diesmal ist es anders, da er sich mit einem Remis nicht zum Titelträger krönen kann.

Nach all den Remis wird wohl keiner der Spieler mit einer neuen Idee kommen und Carlsen stimmte zu, dass die Kürze der WM die Partien beeinflusst. Bei nur einem Dutzend Partien ist die Gefahr, die ganze Weltmeisterschaft durch nur eine Niederlage zu verlieren, extrem groß. Carlsen sagte, er würde sich wünschen, dass die WM auf 16 oder 18 Partien verlängert wird.

Magnus Carlsen

Carlsen unterhielt sich kurz vor der Pressekonferenz mit einem Offiziellen. Eine Wiederholung seines Abbruchs einer Pressekonferenz wie im Jahr 2016 sollte es aber nicht geben. Er beantwortete Fragen sogar noch gründlicher und ausführlicher als gestern. | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Was Caruana betrifft, so wird heute Abend keine Thanksgiving-Feier stattfinden. Das liegt nicht nur daran, dass sein Team ausschließlich aus im Ausland geborenen Spielern besteht (obwohl Alejandro Ramirez die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt). Es liegt einfach an seiner intensiven Konzentration auf die WM.

"Thanksgiving ist für uns erst nächste Woche", sagte Caruanas Sekundant Cristian Chirila zu Chess.com. "Dann werden wir schlemmen!"

Die Amerikaner im Pressezentrum wünschen Happy Thanksgiving!!!

Bei Children of Men geht es darum, dass alle Frauen unfruchtbar werden, aber was ist mit den Frauen im Schach?? Die letzte Frage an die Spieler kam von einem Filmemacher, der wissen wollte, ob sie sich überhaupt eine Frau vorstellen könnten, die um den Weltmeistertitel kämpft.

"Momentan kann ich es mir nur schwer vorstellen," sagte Carlsen. "Aber es spricht nichts dagegen, dass es irgendwann in der Zukunft soweit sein könnte."

"In der Zukunft ist es möglich, aber momentan scheint es keine Spielerin zu geben", sagte Caruana. "Vielleicht werde ich es nicht mehr erleben, aber es wird sicherlich eines Tages passieren."

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Natürlich könnt ihr die Weltmeisterschaft live auf Chess.com verfolgen. Ferner findet ihr jeden Tag Berichte, Fotos und Analysen auf Chess.com/news.

Alle Partien könnt ihr auf Chess.com/wcc2018 nachspielen und die Live-Übertragungen mit unseren Kommentatoren IM Danny Rensch und GM Robert Hess findet ihr auf Twitch.tv/Chess oder Chess.com/TV. Die beiden werden außerdem abwechselnd von Schachgrößen wie Hikaru Nakamura, Maxime Vachier-Lagrave, Wesley So und Sam Shankland unterstützt.

GM Alex Yermolinsky wird jeden Tag ein Video mit den Höhepunkten des Tages veröffentlichen, welches ihr auf Twitch, YouTube, Facebook und Chess.com ansehen könnt. 

US-Meister GM Sam Shankland wird jede Partie für euch analysieren.

Und an jedem Ruhetag wird euch GM Yasser Seirawan mit exklusiven Videos für Chess.com Mitglieder unterhalten


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