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Das Geheimnis hinter "dummen" Schachzügen

Das Geheimnis hinter "dummen" Schachzügen

Gserper
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Jeder Schachspieler kennt die folgende Situation: Man analysiert eine Partie, die von zwei starken Spielern gespielt wurde, und plötzlich macht einer der beiden einen Zug, der völlig dämlich aussieht. Man versucht herauszufinden was los ist und hat keine Ahnung.

Schließlich bittet man seinen besten Freund, eine Schach-Engine, um Hilfe und im Bruchteil einer Sekunde spuckt sie eine Antwort aus, die einem ein "Wow" entlockt. So oder so ähnlich entdeckt man die endlose Schönheit des königlichen Spiels. Ein gutes Beispiel dafür ist die folgende ikonische Partie:

Hat Weiß hier einfach den Verstand verloren und seine Dame sechs Züge hintereinander umsonst angeboten? Die Antwort ist für mehr oder weniger erfahrene Spieler ziemlich offensichtlich. Aber was ist mit Anfängern, die einfach nicht verstehen, was los ist? Ein Knopf, der eine Schach-Engine einschaltet, würde ihnen helfen, alle Antworten zu finden und auch ihren schachlichen Horizont erweitern.

Aber was ist, wenn man seine Schach-Engine nur einschaltet, um eine Bestätigung zu erhalten, dass ein Zug, der dumm aussieht, tatsächlich ein sehr dummer Zug ist? Hier ist ein gutes Beispiel aus dem jüngsten FIDE Damen Grand Prix in München.

Der letzte Zug, 44...Ke5, sieht ziemlich blöd aus, da Schwarz seinen Springer auf e2 einfach ungedeckt gelassen hat. Doch die beiden Spielerinnen einigten sich sofort danach auf ein Remis. Einige werden jetzt denken, dass sich hinter diesem Zug eine Taktik verbirgt, und hoffen, dass die Engine das Geheimnis lüftet. Stattdessen bestätigt die Engine nur, dass 44...Ke5 tatsächlich ein Fehler ist und Schwarz auf Verlust steht.

Warum stimmte aber dann Mariya Muzychuk in einer absoluten Gewinnstellung einem Remis zu? Und was ist mit dieser Partie, die kürzlich beim Tata Steel Chess Masters gespielt wurde? Hier könnt Ihr Euch die ganze Partie ansehen:

Hat Magnus Carlsen hier nicht gerade einen totalen Anfängerfehler begangen, indem er seinen König nach e4 gezogen hat? Kann Schwarz nicht einfach mit dem einfachen Spieß 68...Dh1 Carlsens Dame gewinnen? Und warum verpasste Praggnanandhaa R, der ja noch dazu für seine taktischen Fähigkeiten bekannt ist, diese offensichtliche Gelegenheit und stimmte einem Remis zu? Was geht hier nur vor sich?

Nun, für die erfahrenen Turnierspieler unter Euch sollte die Antwort auf dieses Rätsel ziemlich einfach sein. Heutzutage werden praktisch alle großen Turniere auf elektronischen Schachbrettern gespielt, die die Züge automatisch online übertragen. Am Ende einer Partie platzieren die Spieler ihre Könige auf den zentralen Feldern, um das Ergebnis anzuzeigen. Bei einem Remis stellt Weiß seinen König auf e4 und Schwarz seinen König auf e5.

Leider kommt es aber manchmal vor, dass die Platzierung des Königs auf einem dieser Felder auch ein legaler Zug sein könnte und dann ist das elektronische Brett verwirrt und überträgt es als einen tatsächlichen Zug. Und diese kleine Eigenart schafft manchmal ein Rätsel, das viele unerfahrene Schachspieler verwirrt.

Und deshalb wurden in den obigen Partien die letzten dummen Züge mit den Königen nie wirklich gespielt. Aus diesem Grund habe ich auch in meinem letzten Artikel diesen letzten verrückten Zug manuell entfernt.

Es gibt aber auch genügend Partien, in denen tatsächlich ein offensichtlich schrecklicher Zug gespielt wurde. Zum Beispiel in dieser:

Nach den letzten beiden Zügen der Partie zu urteilen, wurde der völlig verrückte Zug 54.De7 tatsächlich in der Partie gespielt. Aber wie konnte ein legendärer Weltmeister wie Anatoly Karpov nur einen solchen Zug spielen? Hier liefert die Engine keine Antworten. Wer also kann dieses Schachgeheimnis lüften?

Zufällig kenne ich die Antwort, denn ich habe diese Partie live gesehen und stand nur etwa zwei Meter vom Brett entfernt. In gegenseitiger Zeitnot hatte Karpov ein Abzugsschach übersehen und spielte den illegalen Zug 54. De6. Aufgrund der Berührt-Geführt-Regel war er jetzt gezwungen, einen Zug mit seiner Dame zu machen. Ironischerweise hätte Karpov die Partie, wenn er einen noch lächerlicheren Zug gespielt hätte, noch retten können. Denn nach 54. Dd7, 54...Txd7 und 55. Kg6 hätte Schwarz nicht den Gewinnzug 55...Te6+ gehabt.

Das ist übrigens ein recht häufiger Fehler. Kürzlich schickte mir einer meiner Schüler eine Partie, die er aus einer völlig verlorenen Stellung heraus noch gewinnen konnte:

Ich sagte meinem Schüler, dass er ohne die Berührt-Geführt-Regel die Partie verloren hätte. Mein Schüler war ziemlich beeindruckt, dass ich allein aus dem Partieverlauf gefolgert hatte, dass sein Gegner sein Schach nicht gesehen und einen illegalen Zug gespielt hatte. In diesem Fall war es der Zug 25.Txc8. Ich erklärte ihm, dass das keine Magie ist und schrieb sogar einen Artikel zu diesem Thema.

In der nächsten Partie hat Weiß durch seinen dummen Zug zwar kein Material verloren, aber der Zug ergibt trotzdem keinen Sinn, außer wenn Weiß aus irgendeinem Grund sein Recht auf eine Rochade verlieren wollte.

Wenn man einen Computer zu dem seltsamen Zug 8.Tg1 befragt, sagt er, dass es sich um einen Fehler handelt und die Bewertung der Stellung sinkt von +0,4 auf -1,75! Wie konnte also ein so starker Großmeister wie Alexander Chernin, der dieses Turnier auf dem geteilten ersten Platz beendet hatte, einen so schrecklichen Zug spielen? Die Erklärung ist ganz einfach. Er wollte im achten Zug rochieren, begann die Rochade aber, indem er seinen Turm auf f1 zog. Zu diesem Zeitpunkt hatte die FIDE gerade erst die Regeln geändert und die schrieben es jetzt zwingend vor, dass bei einer Rochade zuerst der König und erst danach der Turm zu ziehen ist.

Zum großen Unglück für Weiß hatte ein Schiedsrichter das Geschehen beobachtet und zwang Chernin, einen Zug mit seinem Turm auszuführen. Sein Gegner Vereselav Eingorn, der ein perfekter Gentleman war, versuchte darauf zwar den Schiedsrichter davon zu überzeugen, seinen Gegner rochieren zu lassen, aber alle seine Bemühungen waren erfolglos. Infolgedessen weigerte er sich, diese vorteilhafte Stellung weiterzuspielen und bot ein paar Züge später ein Remis an. Dies ist aber nur einer von vielen Fällen, in denen eine Schachpartie von einem übereifrigen Schiedsrichter ruiniert wurde. Viele weitere solcher Fälle findet Ihr in diesem Artikel.

Ich bin mir sicher, dass Ihr noch weitere Beispiele für verrückt aussehende Züge, die eine vollkommen logische Erklärung haben, kennt. Schreibt sie doch einfach in die Kommentare!

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