Die größten Genies der Schachgeschichte

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Der Streit, wer der stärkste Spieler der Geschichte war, wird niemals beigelegt werden können. Wie kann auch jemand sagen, wie ein Duell zwischen Paul Morphy und Bobby Fischer ausgegangen wäre, wenn beide heute leben würden und sich zum Beispiel drei Jahre lang mit modernen Engines und Datenbanken auf dieses Duell vorbereiten hätten können?

In solchen Diskussionen ist immer ein Hang zur Aktualität vorhanden und die meisten Menschen tendieren zu heutigen Spielern. Von der Aussage eines Großmeisters und einer bekannten Online-Persönlichkeit war ich aber schockiert. Denn dieser behauptete, dass Fabiano Caruana gegen die ersten fünf oder sechs Weltmeister ein Blind-Simultan spielen könnte und alle Partien gewinnen würde!

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Fabiano Caruana. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Heute spreche ich nicht über die Spielstärke der großen Champions der Vergangenheit und Gegenwart. Ich bin mehr daran interessiert herauszufinden, wer das größte Genie war oder ist. Spielstärke und Talent sind nicht dasselbe. Lest zum Beispiel meinen Artikel über Sultan Khan. Ich bin mir natürlich der Tatsache bewusst, dass er selbst zu seiner Zeit nicht der beste Spieler der Welt war. Und dennoch ist er zweifellos eines der größten natürlichen Talente, die unser Spiel jemals gesehen hat.

Wie kann man aber Talent messen? Für mich ist Talent die Fähigkeit eines Spielers, paradoxe Entscheidungen zu finden, die seiner Zeit weit voraus sind. Also Entdeckungen zu machen, die unser Verständnis des Spiels verbesser. Ich gebe Euch ein einfaches Beispiel. Jeder kennt die fabelhaften Angriffspartien von Gioachino Greco. Aber seht Euch mal die folgende Partie an:

In dieser Partie sehen wir viele Elemente des modernen Schachs: Raumvorteil am Damenflügel, einen Vorposten im Zentrum, die Verwendung der langen Diagonale und ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern. Lasst das ruhig auf Euch wirken. Ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern von vor über 400 Jahren! Zu einer Zeit, als die meisten Partien durch einen direkten Angriff auf den König im 20. Zug beendet waren.

Ihr könnt jetzt natürlich argumentieren, dass die meisten der heutigen Meister mehr als fähig wären, eine Partie wie Greco oder sogar besser zu spielen. Das ist wahr. Aber sie würden bekannte Muster verwenden, die von den vorherigen Generationen von Schachspielern entdeckt wurden. Für mich ist Greco sicherlich einer der Kandidaten für den Titel "Größtes Schachgenie aller Zeiten".

Vergleichen wir Grecos Partie mit diesen bekannten Partien:

Beide Partien sind Paradebeispiele für eine hervorragende Endspieltechnik, aber der größere Verdienst geht an Jose Raul Capablanca, denn Magnus Carlsen kannte ja die Partien des Kubaners und benutze seine Ideen.

Hier sind zwei weitere positionelle Meisterwerke:

Beide Partien sind hervorragende Beispiele für den Tausch eines "guten" Springers gegen einen "schlechten" Läufer. Der Verdienst geht aber wieder an Capablanca. Schließlich waren es Partien wie diese, wegen denen Mikhail Botvinnik Capablanca als das größte Schachgenie der Geschichte bezeichnete.

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Jose Raul Capablanca. Foto: Wikimedia.

Dann betrat Carlsen die Bühne.

Wer mit meinen Artikeln vertraut ist, weiß, dass ich voreingenommen bin. Ich glaube nicht, dass ich irgendeinen anderen Spieler als Carlsen schon öfter in meinen Artikeln erwähnt habe. Wenn ich mir seine Partien ansehe, habe ich manchmal das Gefühl, dass Magnus Carlsen, genau wie die Hauptfigur im Film Universal Soldier, in einem Geheimlabor als ultimativer Schachspieler produziert wurde.

Während die meisten bahnbrechenden Ideen von Capablanca einem Anfänger leicht erklärt werden können, ist es unmöglich, dasselbe mit den meisten Zügen von Carlsen zu tun. Deshalb habe ich auch schon in einem meiner älteren Artikel geschrieben, dass die meisten Partien von Carlsen für Anfänger nicht geeignet sind.

Hier ist eine der erstaunlichen Ideen von Magnus. Könnt Ihr in dieser Stellung den nächsten Zug von Carlsen finden?

Habt Ihr die Lösung gefunden? Ich wette, die meisten von Euch haben mit 30.Lxf7+ die Läufer getauscht und dann 31.Sb3 gespielt, um den d4-Bauern zu decken. Erfahrenere Spieler haben vielleicht auch 30.Td1 gespielt und damit den Bauern indirekt gedeckt. Aber jetzt versucht mal einem Anfänger zu erklären, warum Weiß einen Bauern aufgegeben hat.

Das war schon eine schwierige Übung, aber die folgende Abfolge von Zügen aus derselben Partie ist wirklich jenseits aller menschlichen Fähigkeiten. Also von normalen Menschen und nicht von einem Supergenie wie Carlsen. Versucht die Züge zu finden:

Nachdem er seine Figuren optimal platziert hatte, war der Rest für Carlsen nur noch eine Frage der Technik:

Ihr werdet jetzt sicher schon erraten haben, auf was ich hinaus will. Ja. Ich wollte das größte Schachgenie aller Zeiten krönen.

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Magnus Carlsen. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Nun, es gibt immer dieses lästige "aber" oder andere Einschränkungen. Mein Lieblingsdichter Alexander Puschkin schrieb in seinem Drama "Mozart und Saliery", das Peter Schaffler als Vorlage für das Theaterstück Amadeus diente:

"Ein Genie begeht keine Übeltaten."

Die jüngste "Partie" zwischen Carlsen und Hikaru Nakamura, die mit den Zügen 1.e4 e5 2.Ke2 und Ke7 begann und dann durch eine Wiederholung der Königszüge Remis endete, war das reinste Schach-Übel. Ich gebe zu, dass der Satz von Pushkin nicht ganz richtig ist. Bobby Fischer ist ja offensichtlich trotz seiner bösen und antisemitischen Rhetorik ein Genie. Und so kann Magnus Carlsen im zweiten Zug König e2, oder meinetwegen sogar im ersten Zug Springer g1-d3 spielen (ja, ich weiß, dass dieser Zug nicht möglich ist) und er wird trotzdem ein Genie bleiben. Aber Capablanca hätte niemals einen solchen Unsinn gespielt!

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