Wojtaszek gewinnt das Sparkassen Chess Meeting in Dortmund

Wojtaszek gewinnt das Sparkassen Chess Meeting in Dortmund

4 Jahre lang arbeitete er im Hintergrund als Sekundant von Vishy Anand. Heute jedoch stand Radoslaw Wojtaszek selbst im Rampenlicht und gewann in Dortmund sein erstes Superturnier.

Wojtaszek mit seiner Frau IM Alina Kashlinskaya und dem polnischen Schiedsrichter Andrzej Filipowicz. | Foto: Sparkassen Chess auf Twitter

Bis jetzt war das Sparkassen Chess Meeting das Turnier der Unentschieden. Zwei Siege in der ersten Runde waren die größte Aufregung bis jetzt, und in 3 Runden gab es ausschließlich Remispartien zu sehen. Heute brannten die Teilnehmer allerdings ein wahres Feuerwerk ab, denn es wurden alle 4 Partien entschieden—die Anzahl der siegreichen Partien verdoppelte sich damit auf 8 von 28 Partien.

Fedoseev war der erste Spieler, der seinen Sieg unter Dach und Fach brachte. Dieser Sieg setzte Wojtaszek unter Druck, aber der Pole lieferte, als er liefern musste. Auch der Titelverteidiger MVL gewann in der finalen Runde seine erste Partie dieses Turniers und schließlich konnte auch Kramnik noch einen vollen Punkt verbuchen, das Turnier mit 50% abschließen und damit seine ELO über 2800 halten.

Sparkassen Chess Meeting 2017 | Ergebnisse der 7. Runde

Fed Name Rtg Pts Result Pts Fed Name Rtg
Vladimir Kramnik 2812 1 - 0 3 Matthias Blübaum 2642
Vladimir Fedoseev 2726 3 1 - 0 3 Wang Yue 2699
Dmitry Andreikin 2712 3 0 - 1 3 Maxime Vachier-Lagrave 2791
Radoslaw Wojtaszek 2736 1 - 0 3 Liviu-Dieter Nisipeanu 2683

Man könnte meinen, dass auch der Sieger des Aeroflot Opens, Vladimir Fedoseev,  mit seiner Turnierleistung von Plus 1 zufrieden sein sollte, aber der Russe sagte nach dem Turnier: "Nein, ich bin nicht zufrieden, denn ein zweiter Platz ist niemals gut."

Fedoseev startete mit einem Sieg in das Turnier und beendete es mit dem gleichen Ergebnis. Heute musste sich der St. Petersburger aber nicht einmal besonders anstrengen um Wang Yue zu besiegen, denn der Chinese spielte in der italienischen Eröffnung den fragwürdigen Zug 6...Le6, der noch nie von einem Spieler mit einer ELO von über 2500 gespielt wurde.

"Ich habe den Zug einfach gespielt, ohne großartig darüber nachzudenken," sagte Wang Yue nach der Partie

Der daraus resultierende Doppelbauer auf der e-Line und das weiße Übergewicht am Damenflügel waren zu viel des guten, aber Fedoseev demonstrierte auch auf perfekte Art und Weise, warum das so war. Ein Springer am Rande ist immer eine Schande.

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Ein überraschend leichter Sieg von Fedoseev über Wang Yue. | Foto: Georgios Souleidis

Da Fedoseev jetzt 2 Siege auf seiner Habenseite hatte, musste auch Radoslaw Wojtaszek seine Partie gewinnen, denn ansonsten hätte Fedoseev, aufgrund der größeren Anzahl von Siegen, das Turnier gewonnen.

Gestern hatte der Pole ja noch eine große Siegchance vergeben, aber heute gelang ihm ein überzeugender Sieg gegen Liviu-Dieter Nisipeanu, der es unnötig machte, dass man sich mit dem Regelwerk bei Punktegleichstand beschäftigen musste.

In einer Nebenvariante der Nimzo-Indischen Verteidigung gab Nisipeanu das Läuferpaar, zugunsten einer kleinen positionellen Kompensation auf, aber nach der Eröffnung stand er eigentlich noch gut. (Schießlich hat ja niemand anderes als Magnus Carlsen diese Eröffnung auch schon gespielt.)

Aber eine Ungenauigkeit (20...Tad8, "sehr dumm" laut Nisipeanu) bedeutete, dass ihm ein Tempo zu seinem gewünschten Aufbau mit ...Sd7 und ...f6 fehlte, denn Wojtaszek spielte selbst f5-f6!

Wojtaszek-Nisipeanu nach 22.f6! 

"Es hat eigentlich geholfen, dass Wang Yue in einer verlorenen Stellung gegen Fedoseev war. Da ich ja jetzt gewinnen musste, war ich gezwungen, ein Risiko einzugehen" beschrieb Wojtaszek diesen Moment.

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Nisipeanu und Wojtaszek vor der Partie. | Foto: Georgios Souleidis

Wojtaszek startete gerade einen gefährlichen Angriff, als sich Nisipeanu entschied, den Bauern zurückzugeben und seine Dame gegen 2 Türme zu tauschen. Dies machte aber dann das weiße Läuferpaar nur umso stärker.

Als dann ein Qualitätsopfer auch nicht den gewünschten Effekt brachte, warf Nisipeanu das Handtuch.

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Wojtaszek startete als Debütant in das Turnier und verlässt es als Sieger. | Foto: Georgios Souleidis

Wojtaszek hatte schon einige Opens gewonnen und 2004 auch die U18 Weltmeisterschaft, aber auf seinen ersten "Big Point" hat er immer noch gewartet. Dies hatte aber auch damit zu tun, dass er seit 2007 im Hintergrund, als Sekundant von Vishy Anand, gearbeitet hatte.

Diese Zusammenarbeit wurde dann vor ein paar Jahren beendet und es wurde Zeit, dass sich Wojtaszek auf seine eigene Karriere konzentrierte. Neben einigen kleinen Erfolgen (so war er z.B. der einzige Spieler der Magnus Carlsen 2015 in Wijk aan Zee besiegen konnte) ist der Titel beim Sparkassen Chess Meeting von Dortmund aber sein mit Abstand größter Erfolg.

Wojtaszek´s Eintrag auf Facebook zeigt die imposante Siegerliste des Turnier, zu der sein Name hinzugefügt werden wird. Dazu schreibt er, dass er keine Worte findet, um seine Glücksgefühle zu beschreiben.

"Das ist der größte Erfolg meiner Karriere," sagte Wojtaszek. "Ich bin auch mit meiner Leistung und meinen Partien zufrieden. Nur gegen Andeikin hatte ich Probleme. Letzt Nacht habe ich fast nicht geschlafen weil ich so Nervös war."

Anands neuer Sekundant, Grzegorz Gajewski, der auch aus Polen stammt, gratulierte "seinem guten Freund" Wojtaszek bereits auf Twitter.

Neben Fedoseev, konnte noch ein weiterer Spieler dieses Turnier mit Plus 1 beenden: Der Titelverteidiger  Maxime Vachier-Lagrave, schaffte nach 6 Remis in Folge, in der letzten Runde doch noch einen Sieg.

Dmitry Andreikin war ganz klar der kreativste "Eröffner" des Turniers und auch den Franzosen zwang er früh zum denken. Gegen 1.e4 c5 2.b3 folgte Vachier-Lagrave zuerst einer Linie, die auch schon Carlsen gespielt hatte, und dann, nach 7.h4 dachte er 8 Minuten lang nach und brachte dann eine Neuerung aufs Brett.

Hier zog Vachier-Lagrave 7...d5!?N 8.exd6
0-0!? 9.dxe7 Te8, um sich schnell zu entwickeln.

Wenige Züge später wurde ersichtlich, dass MVL die Stellung richtig bewertet, und einige Kompensation hatte. Andreikin gab einen Turm gegen eine Figur und 3 Bauern aber sein König fühlte sich alles andere als Wohl.

Nachdem er eine Drohung übersehen hatte, war Andreikin plötzlich verloren. Er hat zwar in diesem Turnier schon einige Erfahrung gesammelt, wie man mit 2 Bauern gegen einen Turm spielt, aber heute retteten ihn auch seine Verteidigungskünste nicht mehr.

"Ich wollte nicht Remis spielen, denn ich sehe keinen Unterschied zwischen einer Niederlage und einem Unentschieden," sagte Andreikin.

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MVL war mit der zweiten Turnierhälfte in Dortmund, die er mit einem Sieg abschloß, zufrieden. | Foto: Georgios Souleidis

Vladimir Kramnik wollte das Turnier auf keinen Fall mit einem Minus abschließen, und so versuchte er heute alles, um dies zu vermeiden. Er spielte 17 Züge einer vorbereiteten Reti Variante und dann musste sich Matthias Blübaum nicht mit einem, sondern mit gleich 2 Qualitätsopfern befassen!

"Ich dachte, ich würde im Mittelspiel auf dem Königsflügel mehr Aussicht auf Erfolg haben," sagte Kramnik über sein erstes Opfer. 

Blübaum fand zwar die richtigen Verteidigungszüge, aber dabei verbrauchte er auch fast seine gesamte Bedenkzeit. In furchtbarer Zeitnot fand er dann ein Dauerschach, das kein Dauerschach war.

"Das war die erste Partie, bei der ich meinem Gegner voll in einer Vorbereitung gelaufen bin, und das war kein Spass," sagte Blübaum.

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Kramnik's Siegeswille zahlte sich heute aus. | Foto: Georgios Souleidis

Sparkassen Chess Meeting 2017 | Abschlußtabelle

# Land Name ELO Lstg. 1 2 3 4 5 6 7 8 Punkte SB
1 Wojtaszek,Radoslaw 2736 2825 ½ ½ ½ ½ ½ 1 1 4.5/7
2 Fedoseev,Vladimir 2726 2774 ½ ½ 1 0 ½ ½ 1 4.0/7 13.75
3 Vachier Lagrave,Maxime 2791 2766 ½ ½ ½ ½ 1 ½ ½ 4.0/7 13.50
4 Kramnik,Vladimir 2812 2713 ½ 0 ½ 1 ½ ½ ½ 3.5/7
5 Blübaum,Matthias 2642 2687 ½ 1 ½ 0 ½ ½ 0 3.0/7 11.25
6 Andreikin,Dmitry 2712 2678 ½ ½ 0 ½ ½ ½ ½ 3.0/7 10.50
7 Nisipeanu,Liviu-Dieter 2683 2682 0 ½ ½ ½ ½ ½ ½ 3.0/7 10.25
8 Wang Yue 2699 2679 0 0 ½ ½ 1 ½ ½ 3.0/7 9.75

Das 45. Sparkassen Chess Meeting fand vom 15. bis zum 23. Juli in Dortmunder Orchesterzentrum statt. Die Bedenkzeit betrug 100 Minuten für 40 Züge, dann 50 Minuten für weitere 20 Züge und 15 Minuten für den Rest der Partie sowie 30 Sekunden Extrazeit pro Zug, ab dem ersten Zug.


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