5. Runde: Die Ruhe nach dem Sturm

5. Runde: Die Ruhe nach dem Sturm

Der Wirbelsturm, der gestern über die Schachbretter von Stavanger hinweggefegt war, hatte nur eine kurze Lebensdauer. Alle heutigen Partien des Altibox Norway Chess Turniers endeten Remis, was bedeutet, dass Hikaru Nakamura, 4 Runden vor Schluss, seine knappe Führung behaupten konnte.

Durch das Remis gegen Kramnik behauptete Nakamura seine Tabellenführung. | Foto: Maria Emelianova.

Es war toll, solange es gedauert hat.

Es sind ja noch 4 Runden zu absolvieren und so ist es ein wenig früh um schon Schlussfolgerungen zu ziehen, aber trotzdem war es schade, dass einen Tag nach der vierten Runde, die so viele großartige Partien und überraschende Siege gebracht hat, heute wieder alles normal lief, und weder den Brettern Feuerwerke abgebrannt, noch Partien gewonnen wurden.

Das Doping mit selbst gemolkener Kuhmilch scheint also nur einen Tag zu halten. Oder, wie unser Mitglied Samad1 den gestrigen Artikel kommentierte: "Lasst die Spieler vor jeder Runde selbst gemokene Kuhmilch trinken ... make chess great again! "

Lag es vielleicht an den Eröffnungen? Auf dem höchsten Level scheint die Italienische Eröffnung in Mode gekommen zu sein, und diese führt einfach zu trockenen Partien (wie z.B. Anand-So heute), wie ein Indischer Großmeister feststellte.

Vor der Runde fragten sich besonders die norwegischen Schachfans: Wie wird Magnus mit der gestrigen Niederlage umgehen?

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Wie wird Carlsen mit der gestrigen Niederlage umgehen? | Foto: Maria Emelianova.

Die Statistik sieht gut aus, wenn wir alle Partien ansehen, die Carlsen unmittelbar nach einer Niederlage in langen Partien gespielt hat: Seit August 2015 hat er 8 mal verloren und in den Partien unmittelbar danach beeindruckende 6.5 Punkte geholt.

  • Wijk aan Zee 2017, Rapport, Runde 8 - dann Sieg gegen Beat Van Wely
  • New York 2016, Karjakin, Partie 8 - nächste Partie Remis
  • Bilbao 2016, Nakamura, Runde 1 - dann Sieg gegen Wei Yi
  • Norway Chess 2016, Aronian, Runde 8 - dann Sieg gegen Eljanov
  • Mannschafts-EM 2015, Pelletier, Runde 5 - dann Sieg gegen Leko
  • Mannschafts-EM 2015 Aronian, Runde 3 - dann Remis gegen Sune Berg Hansen
  • Sinquefield Cup 2015, Topalov, Runde 1 - dann Sieg gegen Caruana
  • Sinquefield Cup 2015, Grischuk, Runde 7 - dann Remis gegen Nakamura

Diese Liste hat natürlich keine Aussagekraft, und die sähe schon ganz anders aus, wenn wir z.B. das Schachturnier in Norwegen 2015 mit aufführen würden, aber einen Trend kann man doch ablesen: Magnus Carlsen scheint nach seinen seltenen Niederlagen sofort aggressiv auf Sieg zu spielen, und das ziemlich erfolgreich.

Und heute? Tja, er hat nicht gewonnen, und das hat ihn noch mehr verärgert.

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Giri und der Weltmeister begrüßen sich. | Foto: Maria Emelianova.

Carlsen war mit seiner Eröffnung bis zum 14. Zug gegen Anish Giri sehr zufrieden. Was er danach gemacht hat (15.Le3 Lxe3 16.fxe3) hat alles wieder kaputtgemacht, wie der im TV2 Studio sagte. "Ich fasse keine klaren Gedanken. Ich finde die Züge nicht."

Er wurde aber dann noch selbstkritischer. Tarjei Svensen schrieb das beste Carlsen Zitat in seinem Report: Matt & Patt: "Ich habe wie ein Arsch gespielt."

Offensichtlich hat er mit diesem Gegner schon des längeren seine liebe Mühe: "Jedesmal, wenn er gegen mich spielt, dann spielt er wirklich schlecht, aber ich finde einfach keinen Weg um ihn für sein schlechtes Spiel zu bestrafen. Das kotzt mich wirklich an."

Giri, der bis jetzt nur eine einzige lange Partie gegen Carlsen verloren hat, scheint von seiner Einstellung, den Weltmeister als ganz normalen Gegner zu sehen, zu profitieren. Heute sagte er: "Wenn ich nach der Eröffnung eine gute Stellung habe, dann spiele ich gegen Magnus nicht anders, als gegen andere Gegner auch. Aber Magnus ist sehr trickreich. Besonders in den Eröffnungen."

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Giri: "Magnus ist sehr trickreich." | Photo: Maria Emelianova.

Wenn ein Spieler heute Siegchancen hatte, dann war es Giri. Er fand Carlsens 15.Le3 Lxe3 16.fxe3 auch nicht gut und nannte die Züge "seltsam" und "zu ängstlich". Seine größte Chance verpasste er im 27. Zug. "Es war eine Katastrophe dass ich nicht 27...exd4 gespielt habe. Hier hätte ich einen echten Vorteil erzielen können."

Nach der Partie wollte Giri noch etwas loswerden: "Übrigends, diese Sache mit Jon Ludvig... In meinen letzten beiden Partien hatte ich große Probleme gegen ihn und musste sieben Stunden lang um ein Remis kämpfen. Der Satz bei der offiziellen Pressekonferenz war wirklich nur ein Witz. Ich wollte Jon Ludvig keinesfalls Beleidigen!"

Das schnellste Remis des Tages lieferten Maxime Vachier-Lagrave und Levon Aronian ab. Der französische Großmeister entschied sich wie schon oft zuvor für die Marshall Hauptvariante, aber heute holte er absolut garnichts aus dieser Eröffnung heraus.

"Ich dachte, 20.h4 wäre ein geschickter Versuch," sagte MVL über seine Neuerung. "Ich habe mir die Stellung lange und ausgiebig angesehen, aber was Levon gespielt hat, habe ich nicht einmal angedacht. Da habe ich schon gewusst, dass das heute nicht mein Tag werden würde."

Sechs Züge später dachte Aronian, dass es sein Tag werden würde, aber Vachier-Lagrave fand gerade noch rechtzeitig eine wichtige Taktik, und verhinderte dadurcch, dass er in Schwierigkeiten kommen würde.

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MVL und Aronian blieben 19 Züge lang in der Hauptvariante des Marshall Angriffs. | Foto: Maria Emelianova.

Zwei Partien hatte sehr interessante Eröffnungen. Zuerst die Partie von Vladimir Kramnik und Hikaru Nakamura. Sie spielten einen Dxd4 Sizilianer in dem sich Weiß schon früh das Läuferpaar sichern konnte. Kramnik gab es jedoch schon bald darauf wieder auf, hatte aber dann, dank des starken Figurenspiels, ein schönes Endspiel. Besonders der weiße Damenspringer musste heute Schwerstarbeit verrichten, denn dieser machte 15 oder 49 gespielten Züge!

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Beim anschließenden Pressegespräch waren beide Spieler sehr an den Computerauswertungen interessiert. Wie es sich zeigte, war Weiß die ganze Zeit im Vorteil, aber nie in einem Bereich, der zum Sieg gereicht hätte. Am Ende konnte Nakamura sogar noch optimistisch werden, aber Kramnik sagte, dass er immer alles unter Kontrolle hatte: "Ich dachte auch einmal, dass mir die Partie entgleiten könnte, aber so wie es aussieht, hatte ich immer noch genügend Trümpfe in der Hand."

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Die Eröffnung in der Partie Sergey Karjakin gegen Fabiano Caruana war eine Geschichte für sich. Sogar Kramnik war von dieser Variante der russischen Verteidiung so angetan, dass er mehr über diese Sprach, als über seine eigene Partie!

Kramnik sagte, dass es ihn sehr interessiert hätte wie sich diese Partie entwickelte, denn her hatte genau diese Variante für seine Weltmeisterschaft 2004 gegen Peter Leko analysiert und er kam zu dem Schluss, dass sie für Schwarz "gerade so haltbar" wäre.

Nach der Partie sagte Caruana dass er zur selben Feststellung gelangt sei, und sah sich der Kritik Nigel Shorts ausgesetzt, der sagte, Caruana hätte "wie ein Buchhalter" gespielt, der schon in der Eröffnung ein schlechtes Endspiel in Kauf genommen hätte.

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Caruana spielte die russische Eröffnung "wie ein Buchhalter?" | Foto: Maria Emelianova.

Caruana: "Es gibt da natürlich verschiedene Sichtweisen. Die russische Verteidigung ist vielleicht nicht die anspruchsvollste Eröffnung, aber man kann Weiß damit enorm unter Druck setzen, denn Weiß muss beweisen, dass er aus einer ausgeglichenen Stellung einen Vorteil herausholen kann. Und wer will schon mit Weiß eine Stellung haben, in der man extrem genau spielen muss und trotzdem keinen Vorteil hat."

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Caruana und Karjakin nach ihrer Partie. | Foto: Maria Emelianova.

2017 Altibox Norway Chess | Tabelle nach der 5. Runde

# Land Name ELO Leistung 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 Punkte SB
1 Nakamura,Hikaru 2785 2947 ½ ½ 1 ½ 1 3.5/5
2 Aronian,Levon 2793 2868 ½ ½ ½ 1 ½ 3.0/5 7.25
3 Kramnik,Vladimir 2808 2864 ½ ½ ½ ½ 1 3.0/5 7.00
4 Caruana,Fabiano 2808 2802 ½ ½ ½ ½ ½ 2.5/5 6.25
5 Karjakin,Sergey 2781 2797 ½ ½ ½ ½ ½ 2.5/5 6.00
6 So,Wesley 2812 2801 ½ ½ ½ ½ ½ 2.5/5 5.50
7 Giri,Anish 2771 2795 0 ½ ½ ½ 1 2.5/5 5.25
8 Carlsen,Magnus 2832 2724 ½ 0 ½ ½ ½ 2.0/5 5.50
9 Vachier-Lagrave,Maxime 2796 2727 0 ½ ½ ½ ½ 2.0/5 4.75
10 Anand,Viswanathan 2786 2647 0 ½ ½ 0 ½ 1.5/5

Die Paarungen der sechsten Runde lauten: Carlsen-MVL, Aronian-Kramnik, Nakamura-Karjakin, Giri-So und Caruana-Anand..

Ihr könnt die Partien auf unserem Live Server jeden Tag um 16.00 Uhr verfolgen. Berichte über das Turnier findet ihr hier auf Chess.com/News und auf unseren Twitter, Facebook und YouTube Kanälen.

 


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