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Tata Steel Runde 10: Schwarz ist OK
Praggnanandhaa und Grandelius waren unter den Spielern, die mit Schwarz gewinnen konnten. Foto: Lennart Ootes/TataSteelChess.

Tata Steel Runde 10: Schwarz ist OK

PeterDoggers
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Magnus Carlsen hat seinen halben Punkt Vorsprung beim Tata Steel Turnier 2022 drei Runden vor Schluss verteidigt. Der Weltmeister remisierte seine Partie gegen Sergey Karjakin nach nur 20 Minuten und sah dann zu, wie sein ärgster Verfolger Anish Giri vergeblich versuchte, gegen Jan-Krzysztof Duda zu gewinnen. In dieser Runde sahen wir vier Siege. Drei davon mit Schwarz.

So könnt Ihr das Turnier live verfolgen:
Chess.com überträgt das Turnier live und in voller Länge, mit Kommentaren von IM Steve Berger und IM Elisabeth Pähtz auf Twitch, YouTube, ChessTV und Chess.com/Events.
Alle Partien findet Ihr auf unserer Event-Seite: Masters | Challenger
Die englischsprachige Übertragung findet Ihr auf dem YouTube Kanal Chess.com Live und hier könnt Ihr Euch die Aufzeichnung der englischsprachigen Übertragung der 10. Runde ansehen:


Das schnelle Remis in der 47. klassischen Partie zwischen Carlsen und Karjakin war ein enttäuschender Start in die 10. Runde. Die verbleibenden sechs Partien boten aber so viel Spannung, dass sich am Ende der Runde fast niemand mehr an diese Partie erinnerte.

Um 14:00 Uhr Ortszeit startete der Schiedsrichter die Uhr, weil beide Spieler noch nicht am Brett eingetroffen waren. Wenige Sekunden später setzte sich Karjakin und durfte dem Weltmeister etwa 45 Sekunden später die Hand geben, 16 theoretische Züge später folgte ein weiterer Händedruck.

"In Anbetracht des Tabellenstandes ist das ganz in Ordnung. Ich werde nach diesem Remis immer noch zumindest punktgleich in Führung liegen und habe noch zwei Weißpartien", sagte Carlsen. "Ich wusste nicht wirklich, was mich heute erwartet. Ich dachte, er wäre mit dem Verlauf der letzten Runden wahrscheinlich relativ zufrieden und würde wohl nicht viel riskieren, aber auf der anderen Seite hätte er mich mit einem Sieg aber auch fast einholen können. Deshalb habe ich schon gedacht, dass er es zumindest ein bisschen versuchen würde."

Karjakin Carlsen Tata 2022
Carlsen hatte mit dem schnellen Remis kein Problem. Foto: Lennart Ootes/Tata Steel Chess.

Der Konsens in solchen Fällen ist, dass der weiße Spieler mehr schuld ist als der schwarze Spieler und vielleicht hatte Karjakin deshalb das Bedürfnis, darüber zu twittern. Zuerst versuchte es der Russe mit Humor...

...und dann wies er darauf hin, dass Carlsen selbst schon dreimal mit genau denselben Zügen ein Remis gemacht hatte:

Wie Romain Edouard aufzeigte, waren die Umstände bei diesen Remis natürlich völlig anders und ein anonymer Nutzer nannte Karjakin sarkastisch "Minister aller Verteidigungen".

Dieses Remis gab Giri die theoretische Chance, mit Carlsen in der Tabelle gleichzuziehen, aber praktisch hatte der Holländer nie eine echte Chance, seine Partie zu gewinnen. Er hatte aus der Mikenas-Variante der Englischen Eröffnung nichts herausgeholt und wenn sich jemand zu Beginn des Endspiels wohler gefühlt hat, dann war es sicher Duda. Das Gleichgewicht wurde jedoch nie wirklich gestört und nach vielen Abtäuschen endete auch diese Partie Remis.

Anish Giri Tata 2022
Giri konnte Carlsen nicht einholen. Foto: Lennart Ootes/Tata Steel Chess.

Die ersten beiden Züge von Fabiano Caruana luden Richard Rapport ebenfalls zur Mikenas-Variante ein, aber der Ungar entschied sich für ein kleines Abenteuer. Nach 3...c5!?, dem zweitbeliebtesten Zug in der Stellung, musste er seinen Königsspringer bereits im vierten Zug auf sein Startfeld zurückspielen, aber das ist alles Theorie und die Datenbank enthält 1.400 Partien mit dieser Stellung.

Caruana spielte in dieser Variante eine Idee von Daniil Dubov, erreichte damit aber nicht viel und nach 20 Zügen war die Stellung ungefähr ausgeglichen. Dann aber unterlief der amerikanischen Nummer eins aber plötzlich ein großes Versehen. Zwar nicht so groß wie sein Fehler gegen Giri, aber definitiv etwas, was man von Caruana normalerweise nicht erwarten würde.

Richard Rapport Caruana Tata 2022
Ein exzellenter Sieg für Richard Rapport. Foto: Lennart Ootes/Tata Steel Chess.

Obwohl die Partie, wenn man die Anzahl der Züge nimmt, noch nicht einmal zur Hälfte beendet war, war dies der Moment, in dem Caruana die Partie verlor. Rapport besiegelte die Partie dann mit einem weiteren schönen Turmzug, der dem, den er gegen Nils Grandelius gespielt hatte, sehr ähnlich war.

Nach drei Niederlagen und zwei Remis konnte Rapport dann zum ersten Mal in seiner Karriere gegen Caruana gewinnen. "Das ist ein ganz neues Gefühl. Er ist ein extrem starker Spieler, aber auch ein sehr netter Kerl"; sagte Rapport und fügte hinzu, dass er auch ein bisschen Glück gehabt hatte.

Grandelius gewann gegen Dubov seine erste Partie in diesem Turnier. Und was war das für eine Partie! Unsere Kommentatoren Daniel Naroditsky und Fiona Steil-Antoni waren sich einig, dass das eine der intensivsten Partien war, die sie jemals kommentiert hatten. Dubov zeigte eine heldenhafte Verteidigung und war nur einen Zug vom Remis entfernt, konnte aber trotz einer Stunde mehr auf der Uhr den kniffligen Zug 76...Sh8! nicht finden. Sechs Züge später gab der Russe mit einem Lächeln auf.

Nils Grandelius Tata 2022
Ein hart erkämpfter Sieg für Grandelius. Foto: Lennart Ootes/Tata Steel Chess.

Grandelius: "Die ersten zwei Stunden habe ich im Grunde so schlecht gespielt wie an allen anderen Tagen auch und ich weiß nicht, ob die Stellung schon verloren oder "nur" sehr schlecht für mich war. Aber dann hat er mir einige Konterchancen gegeben und in wenigen Zügen hat sich die Partie komplett gedreht."

Der Schwede ahnte, dass er etwas Besseres als die sichere Option hatte, auf die er gesetzt hatte: Ein vielversprechendes Endspiel, das er irgendwo zwischen Remis und Sieg eingeschätzt hatte. "Ich glaube, ich habe im Endspiel bestimmt fünf oder sechs Mal meine Einschätzung geändert!"

Andrey Esipenko und Titelverteidiger Jorden van Foreest spielten bereits ihre fünfte klassische Partie gegeneinander und Esipenko ging zum zweiten Mal als Sieger hervor. Das erste Mal hatte der Russe ebenfalls in Wijk aan Zee gewonnen: 2019 im B-Turnier.

Es scheint eine Partie gewesen zu sein, die Van Foreest nicht verlieren musste, obwohl sein Turm den Großteil der Partie von einem Springer am Königsflügel gefangen gehalten wurde. Und überraschenderweise zeigt die Engine auch im Schwerfiguren-Endspiel eine sehr hartnäckige Verteidigung auf.

Die längste Partie des Tages war der epische rein indische Kampf zwischen Vidit Gujrathi und Praggnanandhaa R., der passenderweise am indischen Tag der Republik ausgetragen wurde. Nach sechs Stunden und 50 Minuten hatte der jüngere der beiden als dritter Spieler des Tages mit Schwarz gewonnen.

Praggnanandhaa R. Tata 2022
Praggnanandhaa konnte gegen seinen Landsmann gewinnen. Foto: Lennart Ootes/Tata Steel Chess.

Vidit folgte zunächst der Partie, die Rapport in der fünften Runde gegen Praggnandhaa gespielt hatte, wich dann aber im neunten Zug ab und schreckte nicht vor einem scharfen Mittelspiel mit Rochaden auf entgegengesetzte Seiten zurück. Er hatte dann zuerst die besseren Chancen, aber das Blatt wendete sich, als Vidit im 33. Zug ein großer Fehler unterlief.

Laut den Engines hatte Schwarz einen gewinnenden Angriff, aber für Menschen, und ganz besonders für Menschen in Zeitnot, war die Stellung extrem kompliziert. Schließlich liquidierte der 16-jährige Pragg zu einem Endspiel mit Mehrbauern. Dort zeigte er eine gute Technik und starke Nerven und konnte schließlich den bisher zweitgrößten Sieg seiner Karriere erzielen, nachdem er 2020 beim Gibraltar Masters Veselin Topalov besiegt hatte.

Tabelle nach der 10. Runde - Masters

# Land Name Elo Lstg. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 Punkte SB
1 Carlsen 2865 2868 1 1 1 ½ ½ ½ ½ ½ 1 ½ 7.0
2 Giri 2772 2848 0 ½ 1 ½ ½ 1 ½ 1 1 ½ 6.5
3 Mamedyarov 2767 2799 0 ½ ½ ½ 1 1 ½ ½ 1 ½ 6.0 26.75
4 Rapport 2763 2805 0 ½ ½ ½ 1 0 1 ½ 1 1 6.0 26.5
5 Esipenko 2714 2790 ½ 0 ½ 1 ½ ½ ½ 1 ½ ½ 5.5 27.75
6 Karjakin 2743 2772 ½ ½ ½ 0 ½ ½ 1 ½ 1 ½ 5.5 25.75
7 Vidit 2727 2756 ½ ½ ½ ½ ½ 0 1 1 0 1 5.5 24.25
8 Caruana 2792 2729 0 0 ½ ½ ½ 1 ½ ½ ½ 1 5.0
9 Duda 2760 2713 ½ ½ 0 1 ½ ½ ½ 0 ½ ½ 4.5 24.5
10 Van Foreest 2702 2702 ½ 0 0 0 0 1 ½ ½ 1 1 4.5 19.75
11 Shankland 2708 2670 ½ 0 ½ ½ ½ 0 ½ ½ ½ ½ 4.0
12 Dubov 2720 2629 0 ½ ½ ½ 0 ½ ½ ½ ½ 0 3.5 17.5
13 Praggnanandhaa 2612 2640 0 ½ 0 0 0 1 ½ 0 ½ 1 3.5 16
14 Grandelius 2672 2593 ½ ½ 0 ½ 0 0 0 ½ 1 0 3.0

Im Challenger Turnier hat zwar Arjun Erigaisi mal zur Abwechslung nicht gewonnen, aber trotzdem seinen Vorsprung von zwei Punkten behalten. Als Carlsen auf die beeindruckenden Ergebnisse des indischen Großmeisters angesprochen wurde, antwortete er: "Er ist der mit Abstand beste Spieler im B-Turnier und wird sehr bald 2700 erreichen. Wir haben ja schon bei der Schnellschach- und Blitz-WM gesehen, wie stark er ist.  Die einzige Überraschung ist die Punktzahl, mit der er das Turnier gewinnt. Er spielt Schach auf eine Weise, die mir Spaß macht. Er hat ein gutes taktisches Auge und kann sehr leicht seinen Stil wechseln."

...He really plays chess in a way that I enjoy. He has a good tactical eye and he can switch styles very easily.

—Magnus Carlsen

Werfen wir noch einen Blick auf die gestrige Partie des 17-jährigen Dänen Jonas Buhl Bjerre, der nach zwei Siegen in Folge nun auf dem zweiten Platz liegt. Immerhin hat kein Geringerer als Weltmeister Magnus Carlsen höchstpersönlich diese Partie als die bisher beste des gesamten Turniers bezeichnet.

Bjerre Ganguly Tata 2022
Bjerre gegen Ganguly. Foto: Jurriaan Hoefsmit/Tata Steel Chess.

Die Tabelle nach der 10. Runde - Challengers

# Land Name Elo Lstg. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 Punkte SB
1 Erigaisi 2632 2850 1 ½ 1 1 ½ 1 1 ½ 1 1 8.5
2 Nguyen 2613 2660 1 ½ ½ ½ ½ ½ ½ ½ 1 1 6.5 29.5
3 Bjerre 2586 2683 0 0 1 ½ ½ 1 1 ½ 1 1 6.5 29.5
4 Jumabayev 2631 2631 ½ ½ 0 ½ ½ 1 1 1 ½ ½ 6.0
5 Murzin 2519 2601 0 ½ ½ ½ ½ ½ 1 1 ½ ½ 5.5 24.75
6 Warmerdam 2607 2601 0 ½ ½ ½ ½ ½ 1 ½ ½ 1 5.5 23.5
7 Van Foreest 2539 2572 ½ ½ ½ 0 ½ 1 ½ 1 0 ½ 5.0 25.75
8 L'Ami 2622 2535 ½ 0 ½ ½ 0 ½ 1 ½ ½ 1 5.0 20
9 Ganguly 2627 2548 0 0 0 ½ ½ ½ ½ 1 1 1 5.0 18.75
10 Dardha 2532 2532 0 ½ ½ 0 0 ½ ½ 1 ½ 1 4.5
11 Shuvalova 2516 2443 ½ ½ 0 0 0 0 0 1 ½ 1 3.5
12 Maurizzi 2502 2427 0 0 ½ ½ ½ 1 ½ 0 0 0 3.0 16
13 Vogel 2452 2428 0 0 ½ ½ ½ ½ 0 ½ ½ 0 3.0 15
14 Zhu 2478 2374 0 0 0 ½ 0 0 0 0 1 1 2.5

Alle Partien der 10. Runde


Weitere Berichte vom Tata Steel Turnier:

PeterDoggers
Peter Doggers

Peter Doggers joined a chess club a month before turning 15 and still plays for it. He used to be an active tournament player and holds two IM norms.

Peter has a Master of Arts degree in Dutch Language & Literature. He briefly worked at New in Chess, then as a Dutch teacher and then in a project for improving safety and security in Amsterdam schools.

Between 2007 and 2013 Peter was running ChessVibes, a major source for chess news and videos acquired by Chess.com in October 2013.

As our Director News & Events, Peter writes many of our news reports. In the summer of 2022, The Guardian’s Leonard Barden described him as “widely regarded as the world’s best chess journalist.”

In October, Peter's first book The Chess Revolution will be published!


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