Artikel
10 Stellungen, die Schachengines einfach nicht verstehen
Can White win in this position?

10 Stellungen, die Schachengines einfach nicht verstehen

SamCopeland
|
203 | Spaß und Wissenswertes

Seit IBMs Deep Blue 1997 den amtierenden Schachweltmeister Garry Kasparov besiegte, hat die Stärke und das positionelle Verständnis von Schachengines drastisch zugenommen. Heute sind die besten Schachengines um gut 1.000 Elo-Punkte stärker als Deep Blue zu dieser Zeit.

Bei einer schnellen Google-Suche nach Begriffen wie "Magnus Carlsen gegen Stockfish" werden zahlreiche Foren angezeigt, in denen gefragt wird, ob Menschen gegen die heutigen Top-Schach-Engines antreten könnten. Der breite Konsens scheint zu sein, dass die allerbesten Menschen mit Weiß ein paar Remis erzielen könnten, aber im Allgemeinen würden sie die überwiegende Mehrheit der Partien verlieren und keine Hoffnung haben, auch nur eine einzige Partie zu gewinnen. Ich sehe keinen Grund, warum ich diesem Konsens nicht zustimmen sollte.

10 positions chess engines don't understand
Selbst Carlsen hätte gegen die besten Engines keine Chance. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Trotz der klaren Überlegenheit der Engines gibt es aber Stellungen, die Schach-Engines einfach nicht verstehen (und möglicherweise nicht verstehen können), obwohl sie für menschliche Spieler durchaus verständlich sind. In der Regel zeigen diese Stellungen die Fähigkeit des Menschen, kreativ zu denken, Pläne zu entwickeln und langfristige Faktoren in der Stellung zu verstehen.

Ein Beispiel dafür ist diese Stellung, die der Nobelpreisträger Roger Penrose zusammen mit seinem Bruder, dem Großmeister Jonathan Penrose, gefunden hat. Menschen können leicht erkennen, dass Schwarz außer sinnlosen Läuferzügen nichts unternehmen kann aber Schach-Engines behaupten, dass Schwarz aufgrund der zahlreichen zusätzlichen Figuren auf dem Brett locker gewinnen wird.

Die Penrose-Stellung ist zwar lehrreich und nützlich, um menschliches Verständnis zu demonstrieren, zeigt jedoch nicht vollständig die unglaubliche menschliche Fähigkeit zur Kreativität und zum Infragestellen von Regeln.

Ein gutes Beispiel für die Überlegenheit des menschlichen Gehirns ist der Sieg von GM Hikaru Nakamura über Rybka in einer 3-Minuten Blitzpartie des Internet Chess Clubs. Nakamura blockiert die Stellung so geschickt, dass Rybka keinen Fortschritt erzielen kann. Dann bietet er der Engine zwei Qualitätsopfer an. Da die Stellung aber blockiert ist, haben die Türme keinen Mehrwert. Der Engine ist dies aber nicht klar und sie denkt, sie hätte einen materiellen Vorteil, der zu einem Gewinn führen muss. Als die Engine dann Gefahr läuft, die Partie aufgrund der 50 Züge Regel zu remisieren, opfert sie einen Bauern, um ein Remis zu vermeiden. Dieses Opfer erwies sich jedoch als fatales Eigentor und Nakamura konnte die Partie gewinnen. Eine unglaubliche Leistung!

Es gibt aber noch viele weitere faszinierende Stellungen, die selbst die fortschrittlichste KI verblüffen. Um dies zu demonstrieren, habe ich zehn Arten von Stellungen ausgewählt, die Euer Gehirn möglicherweise besser verstehen kann als eine Siliziumimitation. Während einige moderne Engines die auf einer sehr leistungsfähigen Hardware laufen in der Lage sind, diese Stellungen nach einer gewissen Bedenkzeit zu verstehen, werden die meisten Engines bei diesen Stellungen hoffnungslos überfordert sein.

Viele dieser Stellungen sind den Foren der Internetseiten "IQ Test" [Thread, Chess.com library collection] und "The Hard TalkChess 2020 Test" [Thread, Chess.com library collection] von talkchess.com, einem der beliebtesten Schachcomputer-Foren, entnommen. Andere stammen von der Van der Heijden's Endgame Study Database, die vollständigsten und am besten referenzierten Reihe von Studien.

Hinweis: Einige Engines können diese Stellungen besser bewerten als andere. Mit Stockfish 13, Leela Chess Zero und anderen Engines und mit unterschiedlichen Rechentiefen erhaltet Ihr unterschiedliche Ergebnisse. Was für eine ältere Engine oder einen bestimmten Enginetyp eine große Herausforderung ist, ist für eine anderen möglicherweise eine weniger schwere Übung. In diesem Artikel betrachten wir das Verständnis der Menschen als überlegen, wenn ein starker Spieler die Schlüsselidee schneller erfassen kann als eine Engine.

#1: Geschlossene Stellungen

Wir haben bereits in der Penrose-Stellung und in der Partie Nakamura gegen Rybka gesehen, dass Schachengines geschlossene Stellungen oft nicht gut verstehen. In der folgenden berühmten Partie bot GM Laszlo Hazai seine Dame als üppigen Köder an und GM Arshak Petrosian nahm den Köder naiv an. Petrosian hat in der Schachliteratur einige Kritik für seine Gier erhalten, aber Eure Schachengine wird über die Dame genauso glücklich sein, wie Petrosian!

Dieses Beispiel zeigt eine häufige Schwäche von Schach-Engines: Gier! Computer LIEBEN es, Material in der Hand zu haben. Während moderne neuronale Netzwerk-Engines wie AlphaZero zwar weniger materialistisch sind als ihre traditionellen Brute-Force-Brüder, haben sie trotzdem Schwierigkeiten, Stellungen, in denen zusätzliches Material bedeutungslos ist, richtig einzuschätzen. In den folgenden zwei Taktikaufgaben aus dem IQ-Test könnt Ihr versuchen, clevere Wege zu finden, um die Stellung geschlossen und die Partie Remis zu halten. Eure Engine braucht Ihr nicht um Hilfe zu fragen! Sie kann es nicht.

#2: Festungen

"Ich glaube nicht an Festungen." - @MagnusCarlsen

Ist Carlsens Aussage bei der Pressekonferenz der Schachweltmeisterschaft 2016 ein Hinweis darauf, dass er wirklich eine menschliche Schachengine ist? Engines haben auch Schwierigkeiten, Festungen zu verstehen. In manchen vollständig geschlossenen Stellungen können einige Festungen einfach nicht durchbrochen werden. Ganz egal wie viel Zeit man hat, um seine zusätzlichen Figuren optimal zu platzieren. Hier sind einige schöne und herausfordernde Studien, die kreative Festungsideen veranschaulichen.

#3: Durchbrüche

Engines haben aber nicht nur Probleme in geschlossenen Stellungen, in denen keine Fortschritte erzielt werden können, sondern auch Stellungen, in denen rechtzeitig Material geopfert werden muss, um einen Fortschritt zu erzielen Unfähigkeit, bereiten ihnen Problem und oft erkennen sie nicht die Dringlichkeit des Augenblicks.

Dieser Durchbruch im Endspiel von Großmeister Alexei Shirov wird als einer der "10 besten Schachzüge aller Zeiten" angesehen. Heutzutage wird fast jeder Titelträger dieses Motiv sofort erkennen und sich für diesen Zug entscheiden, aber Schach-Engines sind nach wie vor verblüfft.

Und auch Weltmeister Boris Spassky erkannte, dass Weiß hier keine langsamen Fortschritte erzielen kann. Er muss jetzt, bevor der schwarze König das Feld c7 erreicht, durchbrechen. Ansonsten wird das gewinnende Läufermanöver Le1-La5 nicht gewinnen.

Eines der besten Beispiele für menschliche Züge stammt vom großen David Bronstein. Sobald Weiß Lc2 spielt kann Schwarz keinen Fortschritt mehr erzielen, aber...

David Bronstein
Bronstein hatte viele innovative Ideen die den Engines nicht gefallen, die aber praktisch und objektiv gesehen sehr stark sind. Foto: Eric Koch/Dutch National Archives, CC.

#4: Planung

So wie Menschen Schwierigkeiten haben, im Leben einen Sinn zu finden, können Schachengines Schwierigkeiten haben, den Sinn und Zweck von Schachzügen zu finden. In der nächsten Stellung hat Weiß eine Unmenge an Material. Auf den ersten Blick scheint Weiß wie in den vorherigen Beispielen kein Durchbruch zu haben, aber es stellt sich heraus, dass es EINE Gewinnidee gibt.

Genauso können Engines Schwierigkeiten haben, die Ideen hinter langfristigen Manövern zu verstehen. Hier ist ein Beispiel, in dem viele Engines nur hin und herziehen, obwohl Weiß Material und damit auch die Partie gewinnen kann!

Hier führt ein langes Manöver mit dem König in Verbindung mit geschickten Springerzügen zum Gewinn:

#5: Prophylaxe

Die Prophylaxe, die Verhinderung der Ideen des Gegners, ist eines der schwierigsten Dinge im Schach. Kein Wunder also, dass auch Engines mit diesem Konzept zu kämpfen haben. Die Prophylaxe ist natürlich am schwierigsten, wenn die Ideen des Gegners gut versteckt sind. In der folgenden Stellung hat Schwarz eine gefährliche Idee: ...Ta2 und den b2-Bauern zu gewinnen. Weiß hat eine clevere Verteidigung, die es jedoch erfordert, die Stärke von ...Ta2 vorherzusehen.

#6: Der Horizont Effekt

Schach-Engines rechnen unglaublich tief, aber ihrer bemerkenswerten Rechenleistung sind Grenzen gesetzt. In einigen Fällen können kritische Momente von Engines nicht berechnet werden. In der Tat gibt es zwei ziemlich berühmte Beispiele dafür.

Das erste Beispiel stammt aus dem bereits erwähnten Duell zwischen Kasparov und Deep Blue aus dem Jahr 1997. Kasparov konnte dem Druck von Deep Blue nicht standhalten und gab die Partie auf. Später stellte sich jedoch heraus, dass sowohl Kasparov als auch Deep Blue den Zug 45...De4 nicht gesehen hatten! Dieser Zug verliert zwar den Läufer, gibt Schwarz aber erstaunlicherweise ein Dauerschach.

Sieben Jahre später benutzten die Menschen Schachengines nicht mehr als Gegner, sondern vertrauten bei ihrer Eröffnungsvorbereitung immer mehr auf sie. Bei seiner Vorbereitung auf seine Partie gegen Peter Leko vertraute Vladimir Kramnik jedoch seine Engine ein wenig zu sehr. In einem Marshall Angriff dachte Kramnik, dass seine vorbereitete Variante gewinnen würde, aber Leko hatte seinen Computer etwas länger rechnen lassen und festgestellt, dass sein Mattangriff dem Freibauern von Kramnik zuvorkommen würde.

10 Positions chess computers just don't understand
Dieser Sieg hätte Peter Leko fast zum Weltmeister gemacht. Foto: Ygrek/Wikimedia, CC.

Die heutigen Engines spucken sowohl in der Partie von Deep Blue gegen Kasparov als auch bei Kramnik gegen Leko sofort die korrekte Bewertung aus, aber es gibt immer noch Stellungen mit Schachmatt und anderen Details, die jenseits ihres Horizonts liegen. Die meisten Schach-Engines haben Probleme mit dem folgenden schönen Mattmuster, bei dem Schwarz zwar viele Wartezüge zu berechnen hat, aber ein Mensch kann klar erkennen, dass sie nicht helfen werden.

#7: Zugzwang

Vom menschlichen Anfänger bis zur Elite-Engine haben alle ein Problem, das Konzept von Zugzwang zu verstehen. Einfach Zugzwänge sind ja noch leicht zu verstehen. Ein Spieler ist am Zug und wenn er einfach keinen Zug ausführen müsste, wäre seine Stellung absolut in Ordnung. Im Schach darf man aber nicht aussetzen und da dieser Spieler jetzt einen Zug machen muss, bricht seine Stellung zusammen.

Komplexere Zugzwänge können viele, viele Züge erfordern, um offensichtlich zu werden. Hier ist ein großartiges Beispiel, in dem eine Engine (Stoofvlees) den kommenden Zugzwang nach 21.h3 voraussieht, aber Stockfish das Problem nicht rechtzeitig erkennt und dadurch verliert.

#8: Die verrückte Figur

Großmeisterin Alexandra Kosteniuk präsentierte kürzlich im Rahmen der Berichterstattung des Kandidatenturniers 2021 ihren besten Schachzug und zeigte ein Muster, das russischen Schachliebhabern als "verrückte Figur" bekannt ist. Das ist eine Figur, die verzweifelt versucht, den Gegner zu zwingen, sie zu schlagen. Normalerweise führt das Schlagen dann zu einem Patt. Hier ist ihr Beispiel:

Ein weiteres gutes Beispiel dafür war diese Partie zwischen zwei Schach-Engines. In einer komplizierten Stellung sah Shredder die Rettung. Gull jedoch nicht.

Und Tim Krabbe hat in seinem Blog "Underpromotion In Games" noch ein Beispiel dafür gefunden. Das scheint keine echte Partie zu sein, aber sie wurde wirklich gespielt:

#9: Gefangene Figuren

Genau wie geschlossene Stellungen und Festungen haben Engines manchmal auch bei der Bewertung einer gefangenen Figur große Probleme. Wenn die gefangene Figur geschlagen werden kann wird das natürlich jede Engine sofort erkennen, aber was ist, wenn die Figur niemals geschlagen, aber genauso wenig befreit werden kann? Dann haben viele Engines große Probleme.

Ein praktisches Beispiel dafür stammt aus Kramniks positionellem Meisterwerk gegen Nigel Short. Obwohl Kramnik den weißen Läufer auf b3 praktisch beerdigt hatte, behauptet die Engine, dass Schwarz nur etwas besser steht. In Wahrheit kann Weiß die Partie aber aufgeben.

Und wie kann Weiß diese Stellung retten? Es gibt einen Weg!

#10: Gefesselte Figuren

Genau wie gefangene Figuren haben manche Engines auch Probleme mit gefesselten Figuren. Wenn eine Fesselung zu einem Materialgewinn führt, bringt das sicher keine Engine ins Straucheln, aber was ist, wenn eine Fesselung nicht materiell, sondern langfristig positionell ausgenutzt wird? Hier ist ein tolles Beispiel von Anish Giri. Wer kann Giris Gewinnidee finden?

Anish Giri
Giri gab offen zu, wie sehr ihm Engines bei der Vorbereitung helfen. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Eure Engine ist möglicherweise in der Lage, Giris clevere Gewinnidee zu entwirren, aber sie wird wahrscheinlich große Schwierigkeiten haben, den Weg zu einem Remis in der folgenden Stellung von GM Pal Benko aus dem IQ-Test (Stellung 16) zu finden.

Ich hoffe, diese spektakulären Stellungen und Ideen haben Euch fasziniert und dazu inspiriert, kreativ über viele Stellungen nachzudenken. Natürlich können uns Schach-Engines heute viel mehr über Schach beibringen, als wir ihnen beibringen müssen. Es gibt jedoch noch einige Stellungen, die ihren Horizont überschreiten und die Menschen besser verstehen als Computer.

Es ist erwähnenswert, dass moderne Schachprofis in der Eröffnung ständig die Grenzen der Engines testen. In Eröffnungen kommen ja normalerweise keine der oben gezeigten Stellungen aufs Brett und die Top-Spieler versuchen ständig mit der Hilfe von Engines Ideen zu entwickeln, die ihre Gegner möglicherweise übersehen haben. Hier ist ein Beispiel für die Art von Innovation, die eine Engine entwickelt hat und die eine andere bereits im sechsten Zug übersieht.

Die Ideen in diesem Artikel machen Schach zu dem Spiel, das wir alle lieben - ein Spiel voller Ideen, Tiefe und Kreativität! Wir alle, ob Anfänger, Großmeister oder Schachengine, schwimmen in einem riesigen Meer komplexer Ideen, die niemals vollständig erschöpft werden können.

Mehr von NM SamCopeland
Wie man sich beim Schach NICHT verbessert

Wie man sich beim Schach NICHT verbessert

Wie man auf Chess.com die Sprache ändert

Wie man auf Chess.com die Sprache ändert