Schock beim Weltcup: Carlsen, Kramnik und Nakamura scheiden aus

Schock beim Weltcup: Carlsen, Kramnik und Nakamura scheiden aus

Die Schachfans waren heute regelrecht geschockt, denn es schieden gleich 3 der größten Namen beim FIDE Weltcup aus: Magnus Carlsen, Vladimir Kramnik und Hikaru Nakamura.

Carlsen konnte gegen Bu nicht gewinnen und packt seine Sachen. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Die anderen Spieler, die heute ebenfalls ausschieden, sind Alexander Onischuk, Vladislav Artemiev, Paco Vallejo und Yuryi Kuzubov. Anton Kovalyov hat Tiflis ja schon gestern verlassen.

Bu Xiangzhi, Peter Svidler, Vassily Ivanchuk, Daniil Dubov, Wesley So, Vladimir Fedoseev, Maxim Rodshtein und Wang Hao hatten sich bereits gestern für das Achtelfinale qualifiziert.

Ein Spieler, der gestern verloren hatte, konnte sich heute noch in den Tiebreak retten: Maxim Matlakov (gegen Levon Aronian). Von den 16 Duellen dieser Runde, werden 8 erst im Tiebreak entschieden.

World Cup 2017 | Runde 3, Ergebisse

Land Spieler Land Spieler Klassisch Schnellschach Blitz Gesamt
Carlsen (2827) Bu Xiangzhi (2714) 0-1, ½-½ ½-1½
Onischuk (2682) Svidler (2756) ½-½, 0-1 ½-1½
Lenderman (2565) Vachier-Lagrave (2804) ½-½, ½-½ 1-1
Grischuk (2788) Navara (2720) ½-½, ½-½ 1-1
Ivanchuk (2727) Kramnik (2803) ½-½, 1-0 1½-½
Giri (2777) Sethuraman (2617) ½-½,½-½ 1-1
Aronian (2802) Matlakov (2728) 1-0, 0-1 1-1
Artemiev (2692) Dubov (2666) ½-½, 0-1 ½-1½
Vallejo (2717) So (2792) 0-1, ½-½ ½-1½
Nepomniachtchi (2741) Jobava (2702) ½-½, ½-½ 1-1
Nakamura (2781) Fedoseev (2731) ½-½, 0-1 1-1
Rodshtein (2695) Kovalyov (2649) 1-0, 1-0* 2-0
Caruana (2799) Najer (2694) ½-½, ½-½ 1-1
Li Chao (2745) Rapport (2675) ½-½, ½-½ 1-1
Wang Hao (2701) Kuzubov (2688) ½-½, 1-0 1½-½
Ding Liren (2771) Vidit (2702) ½-½, ½-½ 1-1

 

"Und er erhub ein Gebrüll durch die Stadt, und siehe, mit einmal

Kamen hierher und dorther die rüstigen Laistrygonen

Zahllos zuhauf; sie glichen nicht Menschen, sondern Giganten.

Diese schleuderten jetzt von dem Fels unmenschliche Lasten

Steine herab; da entstand in den Schiffen ein schrecklich Getümmel,

Sterbender Männer Geschrei und das Krachen zerschmetterter Schiffe.

Und man durchstach sie wie Fische und trug sie zum scheußlichen Fraß hin.

Während diese die Männer im tiefen Hafen vertilgten,

Eilt ich geschwind und riß das geschliffene Schwert von der Hüfte

Und zerhaute die Seile des blaugeschnäbelten Schiffes.

Dann ermahnt ich und trieb aufs äußerste meine Genossen,

Hurtig die Ruder zu regen, daß wir dem Verderben entrönnen;

Keuchend schlugen sie alle die Flut, aus Furcht vor dem Tode.

Aber glücklich enteilte mein Schiff von den hangenden Klippen

Über das Meer; die andern versanken dort all in den Abgrund."

(Homer, Odyssey, 10. Gesang)

Anish Giri starb heute tausend Tode. Mehrere Male stand er in der Partie gegen S.P. Sethuraman kurz vor der Aufgabe und somit vor dem Ausscheiden beim Weltcup. Er hatte bereits einen Plan gefasst, was er nach der Niederlage als erstes machen würde: Er wollte in das Zimmer seines Sekundanten GM Erwin l'Ami gehen - und nicht in das Zimmer, in dem sich seine Frau Sopiko und sein Sohn Daniel aufhielten - und Erwin aus diesem Zimmer hinauswerfen.


"Ich wollte einfach nur alleine sein," sagte Giri.

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S.P. Sethuraman eliminierte bereits Harikrishna and stand kurz davor auch noch Giri aus dem Turnier zu werfen. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Aber der Holländer gab nicht auf. Er segelte sein Schiff durch alle Gefahren, verpasste ein erzwungenes Remis entlang dieser gefährlichen Route, segelte weiter, und dann sogar etwas weiter als nötig, aber schließlich erreichte er den rettenden Hafen.

"Ich habe die Eröffnung total verpatzt," sagte Giri. Er hat aber auch 24.Tg3 und 25.Txg6 nicht gesehen, aber zu diesem Zeitpunkt hatte er schon jegliches Vertrauen in seine Stellung verloren und auf Überlebens-Modus geschaltet gehabt. In dem ganzen Getümmel übersah er dann auch noch einen möglichen Damentausch im 64. Zug aber etwas später konnte er sich dann doch noch in ein Remis retten.

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Anish "Odysseus" Giri während er die "Eröffnung total verpatzt." | Photo: Chess.com/Maria Emelianova.

Morgen spielen Giri und Sethuraman im Tiebreak aus, wer gegen Vassily Ivanchuk, der Vladimir Kramnik heute mit den schwarzen Figuren besiegen konnte, im Achtelfinale antreten wird. Kramnik, der den Weltcup 2013 in Tromsø gewinnen konnte (und dabei Ivanchuk 1.5-0.5 besiegte!) konnte dem unberechenbaren Spiel des Ukrainers heute nicht viel entgegensetzen.

"Er hat heute mit 13.h4 und 14.c4 sehr aggressiv gespielt," sagte Ivanchuk. "Das ermöglichte mir zwar ein Gegenspiel, aber die Stellung war sehr kompliziert. Ich weiß gar nicht wo er oder ich Fehler gemacht haben. Es war aber ein großer Kampf."

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Kramnik spielte aggressiv, aber Ivanchuk fand die besten Antworten. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Ivanchuk hatte eine Verbesserung für Kramnik im 21. Zug, denn dort hatte Kramnik einen Bauern geopfert, den er nie mehr zu gesicht bekommen sollte. Der Sieger war sich aber trotzdem nicht sicher, ab wann die Partie für ihn gewonnen war.

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Bei Mighthy Chuky gilt immer noch die alte Regel: An einem guten Tag kann er gegen jeden gewinnen. Mit jeder Farbe. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

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Kramnik gratuliert seinem Gegner. Nachdem die Partieformulare unterzeichnet waren, schüttelte er ihm erneut die Hand. Vielleicht aus Respekt vor seiner Leistung und vielleicht um ihm noch viel Glück im weiteren Turnierverlauf zu wünschen. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Chess.com's Interview mit Ivanchuk.

Er ist vielleicht der beste Spieler der Welt aber gegen einen Bu Xiangzhi in Bestform mit den schwarzen Figuren zu gewinnen, erwies sich für Magnus Carlsen als Mission Impossible. Der Weltmeister kam über ein Remis nicht hinaus und schied damit aus dem Weltcup aus.

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Carlsen hatte vor dem Turnier gesagt, dass ihm besonders der Mix aus Klassichen- Schnellschach und Blitzpartien beim Weltcup gefallen würde. Ironischerweise ist Carlsen jetzt ausgeschieden, ohne eine einzige Schnellschach oder Blitzpartie gespielt zu haben. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Der Weltmeister dachte bereits fast zwei Minuten über seinen zweiten Zug nach. Wir spielt man gegen das super-solide 1.Sf3 e6 2. c4, wenn man unbedingt gewinnen muss? Viele Spieler haben ja schon Probleme gegen dieses System ein Remis zu erreichen.

Carlsen erzielte in dieser halbslawischen Eröffnung ziemlich schnell ausgleich, aber auch nicht mehr. Bu behielt immer die Kontrolle über die d-Linie und die siebte Reihe und damit über die Partie. Er ist damit der erste Spieler seit Gata Kamsky im Jahr 2007 (dies war ebenfalls bei einem Weltcup), der Carlsen in einem Duell besiegen konnte.

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Carlsen akzeptiert das Remis, und scheidet damit aus dem Turnier aus. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Und auch Hikaru Nakamura's Niederlage und damit sein Ausscheiden beim Weltcup war eine Überraschung. Nur sein Gegner Vladimir Fedoseev schien damit gerechnet zu haben: "Das ist keine große Überraschung. Ich spiele schon das ganze Jahr fantastisches Schach!"

Der amerikanische Großmeister hatte laut Fedoseev "wahrscheinlich seine Analysen vergessen", denn er wurde von einer 4 Springer Eröffnung überrascht.

"Es war nicht leicht für ihn, sich an alles zu erinnern, und er entschied sich dynamisch zu spielen, aber ich war einfach besser vorbereitet und er geriet in eine schlechte Stellung," sagte Fedoseev. Sein Trainer Alexander Khalifman, der ja die FIDE KO Weltmeisterschaft 1999 in Las Vegas gewonnen hatte, war heute bei seinem Schützling und gab ihm sicher noch einige Ratschläge.

Das Ausscheiden war für Nakamura sicher eine harte Pille, denn er starrte 13 Minuten lang auf sein Turnierformular, bevor er sich dazu entschied, die Niederlage zu akzeptieren.

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Nakamura nahm sich Zeit um alles nochmals zu überdenken... | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

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... gab dann die Partie auf... | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

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... und zeigte sich anschließend als fairer Verlierer. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Chess.com's Interview with Fedoseev.

Die heutigen Niederlagen der Top Guns haben einige Konsequenzen. Zum einigen steht jetzt fest, dass es kein Spiel um den dritten Platz geben wird, da jetzt sowohl Carlsen als auch Karjakin nicht im Finale stehen werden. Und dann ist der Kampf um die Plätze im Kandidatenturnier spannender denn je, denn Wesley So hat Kramink wieder in der Durchschnitts-ELO überholt.

Kramnik würde es sicher gerne sehen, wenn entweder Caruana oder So ins Finale kommen würden (beide können nicht ins Finale kommen), und sich somit über den Weltcup und nicht über die ELO für das Kandidatenturnier qualifizieren würden. Andererseite gönnt er ihnen auch weiterhin sicher einen Erfolg in diesem Turnier, solange sie sich diesen in den Tiebreaks erkämpfen, aber vorher einige ELO Punkte in den klassischen Partien verlieren!

Da wir gerade beim Thema sind... Die Live Ratings können ruhig als Massaker von Tiflis bezeichnet werden, denn mittlerweile haben die TOP 13 der Welt in Tiflis ELO Punkte verloren. Und es gibt nur noch einen Spieler, dessen ELO über 2800 liegt.

2700chess.com am 10. September 2017, 18:42 GMT

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Der Verlust des Einen ist der Gewinn des Anderen. Desto mehr TopSpieler beim Weltcup aussscheiden, desto interessanter wird das Turnier auf der Isle of Men. Denn mittlerweile stehen dort Kramnik, Anand, Nakamura, Adams, Gelfand, Eljanov, Vallejo und Howell fix auf der Teilnehmerliste.

Speziell nach der sehr starken Partie von gestern erwartete jeder, dass sich Levon Aronian bereits heute für das Achtelfinale qualifiziert. Vielleicht war es wirklich die Qualität der Partie, warum Maxim Matlakov seine Niederlage gar nicht tragisch nahm: "Gestern hat Levon einfach brilliant gespielt. Ich dachte, dass ich eigentlich ganz gut stehen würde, aber dann hat er mich auf beiden Flügeln überspielt."

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Matlakov musste heute gewinnen, und ganau das tat er. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

So entschied sich Matlakov heute für eine thematische Variante (7.Tb1) gegen das Semi-Tarrasch. Er hatte diese Variante erst kürzlich gegen Shimanov gespielt und auch sein guter Freund Peter Svidler gewann mit dieser Variante die Partie gegen Hou Yifan beim Genfer Grand Prix.

"Ich wußte, dass die Stellung nach einigen guten Zügen sehr gut für Schwarz sein sollte," sagte Matlakov, der aber wohl eher "OK für Schwarz" gemeint hatte. "Levon kennte diese Züge natürlich und so musste ich nach 11.a4 [cxd4 12.cxd4] 12...Ld7 meinen Bauern opfern und nach 15...exd5 16.exd5 Lb5 sollte die Partie in einem Remis enden, aber Levon wollte mich ja unbedingt zweimal besiegen."

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Aronian und Matlakov dürfen morgen noch etwas mehr Schach spielen. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

An einem tollen Tag für die russischen Nachwuchshoffnungen mussten zwei dieser Vertreter gegeneinander antreten: Danill Dubov und Vladislav Artemiev. Nach derem Remis in der ersten Partie konnte alles passieren, und beide setzten schon in der Eröffnung das Brett in Brand.

Es war Dubov's atemberaubende Neuerung 13.Lb5 in der Göteborg Variante, das diese Najdorf Partie mit Rochaden auf verschiedene Seiten zu einem "Nagelbeisser" werden lies. Die Computer würden den Läufer sofort schlagen, aber Artemiev wartete einige Züge ab.

Der kritische Moment war im 20. Zug erreicht, als Dubov nicht auf e8 und g4 schlug, was ihm Ausgleich gebracht hätte. Nach der Partie erklärte er warum er diese nicht gemacht hatte: "Prinzipiell war meine Strategie in dieser Partie und im ganzen Turnier zu zocken. Er ist ein extrem talentierter Spieler. Ihr habt ja gesehen was er mit Radjabov gemacht hat. Seine Technik ist perfekt. Ich dachte, ich müsste eine extrem komplizierte Stellung aufs Brett bringen, auch wenn ich dabei schlechter stehe. Aber Hauptsache er fühlt sich unwohl."

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Daniil Dubov entschied sich heute nicht zum erstenmal zu zocken. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Und es wurde definitiv Kompliziert. Lange Zeit fand Artemiev einen Weg durch die Phantastillion von Möglichkeiten und stand besser, aber in Zeitnot entglitt ihm der Sieg. Dubov: "Offensichtlich hatte ich heute sehr viel Glück."

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Artemiev warf einen großen Vorteil weg, und verlor sogar. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Zwei weitere Spieler, die gestern noch Remis gespielt hatten, konnten sich bereits heute für das Achtelfinale qualifizieren. Der erste war Peter Svidler, der Alexander Onischuk langsam aber sicher überspielte. Am Anfang des Endspiels hatten beide Spieler noch Damen und jeweils 2 Springer auf dem Brett. Bemerkenswert war aber die Bauerstruktur, denn beide Spieler hatten einen Doppelbauern auf der e-Linie. Zu diesem Zeitpunkt hatte Svidler aber schon einen großen Vorteil erlangt.

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Peter Svidler hat weiterhin Chancen den Weltcup zum zweiten Mal zu gewinnen. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

In aller Stille und von dem Medien fast unbeobachtet qualifizierte sich auch der Chinese Wang Hao fürs Achtelfinale. Er gewann gegen Boris Gelfand in der zweiten Runde und besiegte jetzt den Ukrainer Yuryi Kuzubov, nachdem dieser im 26. Zug eine außergewöhnliche Entscheidung getroffen hatte: Er opferte seinen Läufer gegen 3 Bauern.

Die Stellung war danach sehr interessant, denn Weiß hatte eine Bauernphalanx auf a2-b3-c4-d3-e4, die sogar 2 Freibauern beinhaltete. Kuzubov hatte aber unterschätzt, dass sein Gegner die schwarzen Felder kontrollierte. Seine Bauern machten fast die ganze Partie über keinen Schritt vorwärts während die Mehrfigur des Chinesen den Unterschied ausmachte.

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Wang Hao spielt im Achtelfinale gegen den Sieger der Partie Ding - Vidit. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

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Maxim Rodshtein unterschreibt das leere Partieformular und gewinnt die dritte Runde mit 2:0. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

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Carlsen und Kramnik gingen etwas frische Luft schnappen und wurden promt ausgesperrt. Ob das bereits ein Zeichen war? | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

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Kommentar von Maria Emelianova: ooooooh, ist der süüüüüüss | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

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Ivanchuk sieht bei diesem Selfie fast wie James Bond aus, oder?? | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Games von TWIC.

Der Weltcup findet vom 3. bis zum 27. September in der georgischen Hauptstadt Tiflis statt. Jede Runde besteht aus 2 klassischen Partien (nur im Finale sind es 4) und danach folgt, je nach Bedarf, ein Tiebreak im Schnell- und Blitzschach. Das Preisgeld bei diesem Turnier beträgt $1.600.000 und der Sieger bekommt mit $120.000 den Löwenanteil davon. Zusätzlich qualifizieren sich die beiden Finalisten für das Kandidatenturnier 2018.

Chess.com überträgt alle Partien des Weltcups live auf Chess.com/Live. Außerdem könnt ihr Live Kommentare der besten Kommentatoren der Welt, der Chessbrahs, also GM Eric Hansen, GM Robin van Kampen, GM Yasser Seirawan und IM Aman Hambleton auf  Chess.com/TV sehen.


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