Ivanchuk wird im Viertelfinale auseinandergenommen

Ivanchuk wird im Viertelfinale auseinandergenommen

Er dachte 42 Minuten über den 10. Zug nach und gab nach 24 Zügen auf. Vassily Ivanchuk wurde von Levon Aronian, nachdem er die Eröffnung verpatzt hatte, im Viertelfinale des FIDE World Cup´s in Tiflis, regelrecht auseinandergenommen.

Im Turniersaal befinden sich nur noch 4 Tische. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

8 Spieler aus 7 verschiedenen Ländern haben das Viertelfinale erreicht. Zwei von ihnen sind über 40 (Svidler ist 41 und Ivanchuk 48 Jahre alt). Aronian ist der einzige Spieler in den dreißigern und 5 Spieler sind jünger als 30 Jahre.

Bei diesem Terminplan sehnen sich aber sicher auch die jüngeren Spieler nach einem Ruhetag, aber im gesamten Turnier sind nur 2 Ruhetage angesetzt: Am Tag vor dem Halbfinale am 18. September und am Tag vor dem Finale, am 22 September wird kein Schach gespielt. Baadur Jobava, der im Achtelfinale ausgeschieden ist, sagte, dass er gerne für eine die Hotelrechnung für eine Nacht mehr bezahlt hätte, wenn er dafür einen Ruhetag bekommen hätte.

World Cup 2017 | Viertelfinals, Tag 1

Land Spieler Land Spieler Klassisch Schnellschach Blitz Gesamt
Svidler (2756) Vachier-Lagrave (2804) ½-½
Aronian (2802) Ivanchuk (2727) 1-0
Fedoseev (2731) So (2792) ½-½
Rapport (2675) Ding Liren (2771) ½-½

Vassily Ivanchuk war schon während seiner gesamten Karriere unberechenbar, und das wird wohl auch so bleiben. Er kann an einem Tag jeden Spieler der Weltelite besiegen und am nächsten Tag gegen seine eigenen Großmutter verlieren.

In der heutigen Partie gegen Levon Aronian ging von Anfang an alle schief, und die Niederlage war kurz und schmerzhaft. IM Sam Copeland erinnerte die Partie an die erste Finalpartie des FIDE WM Finales von 2002 zwischen Ruslan Ponomariov und Ivanchuk, die "Chucky" nach 23 Zügen, ebenfalls in einer positionellen Katatrophe, aufgab.

Der Kommentator Ivan Sokolov führte die frühe Aufgabe als eine Art "Nervenzusammenbruch" zurück, aber unser Kommentator, Dejan Bojkov, zeigt auf, dass die Stellung wirklich hoffnungslos war.

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Es war nicht der Tag von Vassily Ivanchuk. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Aronian hatte gestern an seinem freien Tag, seinen Freund, die Gewichtheberlegende Yuri Vardanyan, der jetzt als Diplomat arbeitet, in der armenischen Botschaft besucht. Nach der heutigen Partie nahm er sich die Zeit, und versuchte zu erklären wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Er fangt beim 10. Zug an, über den Ivanchuk 42 Minuten nachdachte.

"Ich glaube hier hat er gemerkt, dass er die Eröffnung verbockt hat, denn Schwarz kann einfach nicht ...c5 spielen. Wenn er es aber nicht macht, komme ich zu Se5 und die Stellung ist ungemütlich. Er hätte hier auch die passiven Züge Sf6, Le7 spielen können aber dann hat Weiß eine sehr angenehme Stellung. Weiß spielt dann einfach den Turm auf d1 und vielleicht den Läufer auf g5, und weil Schwarz kein Gegenspiel hat steht er einfach nur passiv. Ich dachte Vassily würde diese Option wählen, aber dann kam 10...c5, und das war schon fast Selbstmord.

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1.c4 e6 waren die ersten Züge der Partie Aronian gegen Ivanchuk. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

"Das ist eine sehr altmodische Variante. Heutzutage spielen die Leute eher ...Sbd7 statt...Sc6. Ich glaube aber, dass es Partie gibt, in denen Weiß Sc3 spielt. Weiß will dann irgendwann e4 und Se5 spielen und deshalb sollte Schwarz nicht ...a6 oder ...Tc8 ziehen, sondern seine Figuren entwickeln."

"Ich glaube es war eine Grundsatzentscheidung. Er wusste wohl, dass der Zug nicht funktioniert, aber da sein gesamter Aufbau auf diesen Zug ausgerichtet war, spielte er ihn trotzdem."

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Der gestern ausgeschiedene Alexander Grischuk befand sich heute unter den Zuschauern. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Ivanchuk's 10...c5 ermöglichte 11.d5! und wenn dieser Bauerndurchbruch möglich ist, ist das für Schwarz meistens eine schlechte Nachricht. Weiß bekam daraufhin einen Freibauern auf der d-Linie und gleichzeitig konnte Schwarz nicht mehr rochieren. Die schwarze Dame erwies sich als schlechte Blockadefigur, denn sie wurde sofort vertrieben. Nach dem 24. Zug hatte Ivanchuk genug, und seine Niederlage sah doch sehr Amateurhaft aus.

Welchen Ivanchuk wir morgen zu Gesicht bekommen werden, weiß allerdings niemand.

Dejan Bojkov's Game of the Day

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Aronian schien das selbe Hemd zu tragen, wie vor 2 Tagen - was vielleicht mehr dem Inhalt seines Reisekoffers als Aberglauben geschuldet war - bei einem Damenschachturnier wäre das trotzdem ein absolutes "No-Go".  | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Die anderen 3 Partien endeten Remis, und zwei davon kamen relativ schnell und ohne großen Kampf zustande. Speziell die Partie zwischen Richard Rapport und Ding Liren war eine kurze Angelegenheit. Hätte Rapport unter anderen Umständen mit den weißen Figuren auch so schnell in ein Remis eingewilligt? Morgen könnte er mit den schwarzen Figuren Probleme bekommen.

Durch das Remis bleibt die Bilanz zwischen den beiden aber ausgeglichen. Vor der gestrigen Partie hatten die beiden 3 mal gegeneinander remisiert und jeder konnte eine Partie gewinnen.

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 Ding Liren war über das schnelle Remis erfreut. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Vladimir Fedoseev und Wesley So spielten 8 Züge mehr, aber mehr zu sehen gab es trotzdem nicht. Die russische Eröffnung feiert beim diesjährigen Weltcup ein Comeback, und für So, der damit sehr schnell ausgleichen konnte, funktionierte sie perfekt. Nachdem er diese Eröffnung zwischen 2010 und 2014 fünf mal gespielt hatte, benutze er sie im Juli in León, bei seinen Schnellschachpartien gegen Vishy Anand erneut zweimal. Fedoseev und sein Trainer Alexander Khalifman konnten also nicht besonders überrascht gewesen sein.

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Das sieht doch viel besser aus, als Spieler in T-Shirts oder Shorts, oder etwa nicht? | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

In der Zwischenzeit gab Martin Bennedik fleißig alle Ergebnisse in seinen Computer ein um die Durchschnitts ELO aller Spieler zu berechen, die ja für zwei weitere Startplätze fürs Kandidatenturnier entscheidend ist. Laut seiner Aussage ist das ein sehr enges Rennen und wer sich über die ELO Wertung fürs Kandidatenturnier qualifiziert, werden wir wohl erst im Dezember erfahren, wenn die FIDE Weltrangliste veröffentlich wird.

Maxime Vachier-Lagrave's Vorbereitung war einfach fabelhaft. Wenn Du deinen Gegner bereits im zweiten Zug zum Nachdenken bringst, hast Du einen glänzenden Job gemacht, oder? Also. Warum hat Peter Svidler nachgedacht? 

Die Lösung findet sich in den Datenbanken. Zumindest in der Datenbank des Autors dieses Berichts findet sich keine einzige Partie in der MVL die symmetrische Englische Eröffnung gespielt hat! Svidler hat sich deshalb wohl den Zug 1...c5 überhaupt nicht angesehen und musste alles aus seinem Langzeitgedächtnis abrufen.

"Ich habe die Eröffnung schon gespielt, aber das ist wirklich sehr lange her," sagte MVL zu Chess.com. "Eigentlich habe ich aber nur die Reihenfolge der Züge verändert." Und so kam es auch nach 4 Zügen zu exakt der selben Stellung, die MVL schon gegen Aleksandr Lenderman in der ersten Partie dieses Turniers auf dem Brett hatte. Der Amerikaner setzte dort mit 5.e3 fort.

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"1...c5! Jetzt bist Du am Zug!" | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Die Variante ist ziemlich cool, besonders wenn man sie noch nie zuvor gesehen hat. Weiß opfert sein Rochaderechte für einige Tempi und die bessere Entwicklung.

Fast alle weißen Figuren greifen die großte Schwäche von Schwarz an: den c5-Bauern. Ironischerweise löste Vachier-Lagrave all eine Probleme, indem er ihn einfach aufgab.

"Meine Stellung war richtig schlecht," sagte der Franzose. "Bis zum 37. Zug (...h5), den er nicht erlauben hätte sollen, hab ich nur ums überleben gekämpft. Danach war es immer noch ungemütlich, aber das schlimmste war überstanden."

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MVL und Etienne Bacrot direkt nach der Partie. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

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Genna Sosonko (rechts) unterhält sich mit prominenten Besuchern. Heute besuchte die ehemalige Nummer 5 der Damenweltrangliste im Tennis, Anna Chakvetadze, zusammen mit ihrem Ehemann Pavel Kuftyryev das Turnier. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

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(Für eine größere Version einfach auf das Bild klicken.)

Games von TWIC.

Der Weltcup findet vom 3. bis zum 27. September in der georgischen Hauptstadt Tiflis statt. Jede Runde besteht aus 2 klassischen Partien (nur im Finale sind es 4) und danach folgt, je nach Bedarf, ein Tiebreak im Schnell- und Blitzschach. Das Preisgeld bei diesem Turnier beträgt $1.600.000 und der Sieger bekommt mit $120.000 den Löwenanteil davon. Zusätzlich qualifizieren sich die beiden Finalisten für das Kandidatenturnier 2018.

Chess.com überträgt alle Partien des Weltcups live auf Chess.com/Live. Außerdem könnt ihr Live Kommentare der besten Kommentatoren der Welt, der Chessbrahs, also GM Eric Hansen, GM Robin van Kampen, GM Yasser Seirawan und IM Aman Hambleton auf  Chess.com/TV sehen.

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